Ćosić, Bora: Im Ministerium für Mamas Angelegenheiten

verfasst am 02.03.2011 von | 1 Kommentar
Rubriken: Ćosić, Bora, Romane

„Opa unternahm den Versuch, Butter aus Steinkohle zu machen, nach den Anleitungen der deutschen Militärzeitschrift „Signal“. Hinterher stellte sich heraus, dass diese Anleitung ein Betrug war, wie alles andere auch. Alles in allem scheiterten die meisten Künste, die wir in diesen Jahren zu vollbringen versuchten, schon von Anfang an.“

In 32 Kurzgeschichten, jede einem Gewerbe zugeordnet, schildert der serbische Intellektuelle Bora Cosic die Mühen, Nöte und Gefahren seiner Familie in den Jahren des Zweiten Weltkriegs mit einem großen Happen Humor. Ob Lumpensammler, Hundefänger, Fleischer, Schauspieler oder Damen des horizontalen Gewerbes: alle bekommen ihr Fett ab und werden gnadenlos vom kindlichen Erzähler beobachtet. Doch die größte Aufmerksamkeit wird dem trudelnden Familienschiff zuteil, bestürmt von deutschen und später russischen Besatzern, sowie den messianisch-irrlichternden Tito-Partisanen.

Mit an Bord der Vater, der sein Leben an die Flasche verpfändet hat und es sich auch bei einem Fliegerangriff nicht nehmen lässt, aus dem Keller in den dritten Stock hochzusteigen, um am eigenen Thron seine Geschäfte zu verrichten.

Selbstverständlich die Mama als Leiterin des Ministeriums, die ähnlich hilflos das Chaos verfolgt, wie einst die Minister der Freiheitlichen in der skandalumwitterten schwarzblauen Koalition. Weiters ein Onkel, dessen Lebenssinn ausschließlich im Jagen von Schürzen besteht und der dieser Neigung auch völlig ungeniert in der kleinen Belgrader Wohnung fröhnt.

Sowie zwei Tanten, beide sehr empfindsam und zu allem und jedem ihren Senf absondernd.

Und natürlich ein Großvater, rechthaberisch, zynisch und mürrisch, so wie der Kanzler, der schon erwähnten legendären dunklen Koalition.

Fürwahr eine teuflische Melange, die das Leben mit der kleinbürgerlichen Familie Cosic zusammengebraut hat. Es war die Zeit als Josef Stalin dem britischen Premier Winston Churchill halb Jugoslawien anbot und Friseusen Nacktfotos im Bekanntenkreis herumreichten. Aus eigener Erzeugung – versteht sich von selbst.

Bora Cosic erzählt mit den naiven Augen eines Kindes, dem allerdings bereits der philosophisch geschulte Autor auf den Schultern sitzt, von den großen gesellschaftlichen Umbrüchen und einer sich ständig verkehrenden Welt. Von den brutalen deutschen Besatzer, die sich nach dem Sieg der Roten Armee in ängstliche Opportunisten verwandeln und von den leidenschaftlichen Revolutionären aus den Reihen Titos gejagt und hingerichtet werden.

Oder vom Aufbau einer neuen gesellschaftlichen Ordnung, wo alles nur halb funktioniert, ob es sich um Kleinbürger oder die Funktionäre des neuen Staates handelt ist einerlei.

Bora Cosics Meisterschaft besteht darin ein tragisches Thema sehr lakonisch und humorvoll zu erzählen, dabei Authentisches mit Fiktivem, Details mit Universellem und Banales mit welthistorisch Bedeutendem zu vermischen. Die Erzählungen dieses Bandes entstanden großteils bereits in den 1960-ern und wurden vom Autor nochmals überarbeitet und verdichtet.

Kurzum: ein interessantes, lehrreiches, aber auch sehr komisches Büchlein.

PS: Die Passage am Beginn, welche unter Anführungszeichen steht wurde aus dem beschriebenen Buch wortwörtlich übernommen (S. 129 unten) – nur um sicherzustellen, nicht in eine Plagiatsdiskussion von Guttenbergscher Dimension hineingezogen zu werden.



RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag 1 Kommentar


  • Kommentar von  Ivo Marinsek am 21.06.2011 um 22:38 Uhr Uhr

    Auch Cosic gibt einem trotz der einen oder anderen Übertreibung einen Eindruck davon, wie es einmal war.
    Das sind typische Szenen, die die für einen Geschichtsphilosophen ohnehin lächerliche Weltkriegsnostalgie widerlegen.

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