Noll, Alfred J.: Kannitz

verfasst am 02.02.2011 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Noll, Alfred, Romane

Auf den ersten Blick sticht sofort die elegante Aufmachung des Buches ins Auge: gänzlich in rot gehalten, Autor und Titel mit weißer Schrift und hervorragende Qualität des Papiers, praktisch Ästethik pur.

Ebenso elegant weiß Alfred Noll auch die Feder zu führen und erzählt die Geschichte des Wieners Rudolf Kannitz, einem ehemaligen Verwaltungsbeamten und Präsidenten des Verwaltungsgerichtshofs in der Ersten Republik und im späteren Ständestaat.

Im Zuge seiner beruflichen Tätigkeit lernt Kannitz den berühmten jüdischen Rechtsanwalt Dr. Hoffer kennen. „Es klopfte, ein großer und ausgesprochen eleganter Mann trat ein. Ich merkte sofort, dass der Magistrat nicht die gewohnte Bühne seiner Auftritte war. Dieser Mann kam aus einer anderen Welt. Anwälte wie Doktor Isidor Hoffer gibt es heute nicht mehr. Er hatte Statur, er war ein Herr.“

In weiterer Folge berät Kannitz die Kanzlei Hoffer bei verwaltungsrechtlichen Problemen – ja, das gab es auch damals schon, aber im Gegensatz zu heute wurde auch wirklich noch eine Leistung für das Honorar erbracht – und die beiden Juristen schließen so etwas wie Freundschaft.

Hoffer ist ein universell gebildeter Mensch, interessiert an allen Themen des menschlichen Lebens und mit einem erlesenen Kunstgeschmack ausgestattet. Kannitz dagegen ist der Prototyp des biederen, gesetzestreuen Beamten, ein Rechtspositivist alter Schule und kann sich der Ausstrahlung des Staranwaltes nicht entziehen.

Als sich die Schatten des Naziregimes in Deutschland auch über Österreich legen und den Optimismus vieler verdunkeln, beschließt Dr. Hoffer seine gesamten Besitzungen treuhändisch ohne Zeugen an Dr. Kannitz zu übergeben und das Land zu verlassen, um, wenn der Spuk vorbei ist, wieder zurückzukehren.

Doch bei der Überfahrt von Europa nach Amerika wird das Passagierschiff von einem deutschen U-Boot torpediert und Dr. Hoffer und seine Frau komen dabei ums Leben. Da Kannitz von Verwandten des Verstorbenen keine Kenntnis hat, steht er vor dem Problem, was er mit den verwalteten Besitztümern, darunter Fabriken, Hotels und Villen anstellen soll.

Alfred J. Noll, ebenfalls ein renommierter Rechtsanwalt und Wissenschafter, hat mit diesem Buch ein fulminantes belletristisches Debüt abgeliefert und als Form die heute nicht mehr sehr häufig verwendete Parabel gewählt. Beeindruckend die klare Sprache des juristischen Textes und vor allem die kleinen Kunstexpertisen über Richard Gerstl, Max Liebermann oder Josef Danhauser – da spricht der Restitutionsexperte und Kunstkenner aus Noll.

Höhepunkte des Buches sind allerdings die monologisierenden, rechtsphilosophischen Betrachtungen die Hoffer im Dialog über Kannitz ergießt, von Cicero, Rosseau, Montesquieu bis hin zum Koran. Garniert mit literarischen Beilagen von Fontane, Brecht, Heine oder Kleist.

„Das Gesetz, mein lieber Doktor Kannitz, ist der Wille mancher Herren, und diese Herren, das dürfen sie mir glauben, sitzen an allen möglichen Orten, nur nicht im Parlament.“

Raffiniert die Gegenüberstellung der beiden Protagonisten: einerseits der großbürgerliche, intellektuelle, kunstsinnige Rechtsanwalt und auf der anderen Seite der paragrafentreue, unflexible, kleinmütige Staatsbedienstete. Noll legt die Feder auf die Wunden der Vergangenheit und der Gegenwart, wie Antisemitismus, Opportunismus und die Tendenz sich das Recht nach eigenen Bedürfnissen zurechtzubiegen.

Damit hält er unserer heutigen Gesellschaft den Spiegel vor und all die Grassers und Meinls können sich glasklar darin er blicken. Bleibt nur zu hoffen, dass Alfred J. Noll sein beachtliches literarisches Talent auch in Zukunft nicht ausschließlich den Interpretationen von Gesetzestexten angedeihen lässt.


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