Bernhard, Thomas: Der Stimmenimitator

verfasst am 23.09.2010 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Bernhard, Thomas, Kurzgeschichten

Thomas Bernhard nannte ursprünglich die vorliegende Sammlung von Kurz- und Kürzestprosatexten „Wahrscheinliches – Unwahrscheinliches“. Schade um diesen Titel, denn er passte meiner Meinung nach perfekt. Bei fast allen dieser rund 100 Texte, die im Stil sogenannter lokaler Pressenachrichten gehalten sind, taucht unweigerlich die Frage auf, ob die Schilderung der Wahrheit entspricht oder „nur“ gut erfunden ist.

Genaugenommen sind es 104 textliche Kleinode – ich habe selbst nachgezählt, weil wir seit Bernhard wissen, dass wir uns auf die Kulturpublizistik nicht verlassen können, ja mehr noch, das dort nur Missgunst und Niedertracht vorherrschen.

Die Protagonisten in den Geschichten sind bunt gemischt, man/frau könnte fast sagen, wie im richtigen Leben, also Schauspieler, Präsidenten, Dompteure, Chorknaben, Postboten, Feuerwehrleute, Bürgermeister, Holzfäller und noch viele mehr.

Fast immer endet die Kurzgeschichte letal. Meist mittels Selbstmord, manchmal aber auch nicht durch die eigene Hand. Dies ist durchaus schlüssig, da das österreichische Volk bei einer Selbstmordeuropameisterschaft Jahr für Jahr einen Platz auf dem Siegertreppchen beanspruchen würde. Die Ungarn allerdings werden wir niemals schlagen, so wie früher beispielsweise die russische Eishockeynationalmannschaft unbesiegbar war. Die Finnen jedoch liegen in unserer Reichweite.

Jede der Geschichten balanciert auf einem schmalen Grat zwischen Komödie und Tragödie. Nicht wenige sind auch beides. Auf Grund der Kürze der Geschichten, in der angeblich die Würze liegt, möchte ich eine herausgreifen und zur Gänze erzählen.

Da ich von Jägern meines Heimatortes schon mehrmals eingeladen worden bin an einer Treibjagd teilzunehmen, dies jedoch immer höflich aber bestimmt abgelehnt habe, erscheint mir die folgende Kurzgeschichte mit dem Titel „Papierarbeiter“ als besonders passend: „Der Papierarbeiter Filzmoser hat seinen Nachbarn, den wie er in der Papierfabrik Steirermühl beschäftigt gewesenen Papierarbeiter Nöstlinger irrtümlich, wie er vor Gericht ausgesagt hat, erschossen. Er habe auf einen plötzlich aus dem Unterholz des sogenannten Peiskamerwaldes auffliegenden Fasan geschossen, dabei aber nicht den Fasan, sondern Nöstlinger getroffen, mit welchem er schon über fünfundzwanzig Jahre auf die Jagd gehe.

Nöstlinger sei sofort tot gewesen. Mit Nöstlinger habe ihn, Filzmoser, eine lebenslängliche Freundschaft verbunden. Zeugen haben vor Gericht ausgesagt, dass die beiden seit dem Zeitpunkt, in welchem sich Nöstlinger einen Kredit für einen Zubau zu seinem Haus haben verschaffen und auch gleich mit der Ausführung habe anfangen können, nicht mehr gesprochen hatten. Denn dem Filzmoser war ein solcher, von ihm an derselben Stelle in Linz beantragter Kredit abgewiesen worden. Es ist bekannt, dass im Traunviertel sehr viele Männer ihren Jagdschein nur zu Mordzwecken erwerben.“

Diese Textsammlung eignet sich hervorragend zum Einstieg in die bernhardsche Gedankenwelt und dazu vielleicht noch ein kleiner Tipp: wenn sie bei der Lektüre dieses Buches dem Meister in seinem alttestamentarischen Grant möglichst nahe sein wollen, hören sie sich einfach Parlamentsreden unserer Innenministerin dazu an.
Näher werden sie Bernhard nie kommen!


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