Bernhard, Thomas: Meine Preise

verfasst am 28.08.2010 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Bernhard, Thomas, Erzählung

Thomas Bernhard. Ein Mythos. Ein literarischer Gigant. Viele Geschichten ranken sich um diesen berühmten österreichischen Schriftsteller und Lyriker. Manche sind wahr, andere sind frei erfunden.

So um das Jahr 1980 verfasste er die autobiographische Erzählung „Meine Preise“ mit der Absicht, etwas auf Lager zu haben, da die Krankheit des Schriftstellers bereits im Hintergrund lauerte. Schließlich kündigte er seinem legendären Verleger Siegfried Unseld die Veröffentlichung für das Jahr 1989 an. Doch vorher verstarb er.

Zwanzig Jahre nach seinem Tod erschien „Meine Preise“ und ist ein für Bernhardsche Verhältnisse relativ leicht zu lesender Prosatext. Bei insgesamt neun Preisverleihungen („von 12 oder 13“) lässt uns Thomas Bernhard an seiner Gedanken- und Gefühlswelt teilhaben und schildert in bissiger, aber auch selbstironischer Weise die verschiedenen Veranstaltungen.

„Ich hatte immer ein schales Gefühl im Magen gehabt, wenn es darum ging, einen Preis in Empfang zu nehmen und mein Kopf wehrte sich jedes Mal dagegen. Aber ich war doch die ganzen Jahre, in welchen noch Preise auf mich zukamen, zu schwach, um nein zu sagen. Hier hat, so dachte ich immer, mein Charakter ein großes Leck. Ich verachtete die, die die Preise gaben, aber ich wies die Preise nicht strikt zurück. Es war alles widerwärtig, aber am widerwärtigsten empfand ich mich selbst.“

Der Höhepunkt des Preisreigens war die Verleihung des österreichischen Staatspreises, des Kleinen wohlgemerkt, der für ein einzelnes Werk (bei Bernhard für „Frost“) vergeben wird, im Gegensatz zum Großen, der das Lebenswerk eines Schriftstellers auszeichnet. Thomas Bernhard war „über die Nachricht, den Preis zu bekommen, überhaupt nicht begeistert, hatten doch vor mir schon eine Menge junger Leute diesen Preis bekommen und für mich in meinen Augen reichlich abgewertet gehabt“. Er betrachtet diese Preisverleihung als eine Gemeinheit, ja mehr noch, als eine Niedertracht.

„Aber so sehr ich auch von dem Gedanken, in das Ministerium hineinzugehen und mir den Kleinen Staatspreis abholen zu müssen, gewürgt worden bin, es rettete mich doch immer die Tatsache, dass auch dieser Kleine Staatspreis mit einer Geldsumme verbunden war, mit der Summe von fünfundzwanzigtausend Schilling damals, die ich, der ich über alle meine Köpfe verschuldet gewesen war, dringend gebraucht habe.“

Bei der Preisverleihung während der „Dankesrede“ des Autors kam es dann zum Eklat, der in die Literaturgeschichte einging, da er die Österreicher unter anderem pauschal als „Geschöpfe der Agonie“ bezeichnete. Der zuständige Kunstminister Theodor Piffl-Perčević verließ vor Zorn bebend, die Fäuste schüttelnd und Türen zuschlagend den Saal. Am nächsten Tag schrieb eine Tageszeitung, der Schriftsteller Thomas Bernhard sei „eine Wanze, die man vertilgen müsse.“

Die Basis war also gelegt, die Bernhard zum „Großen Österreichischen Staatsbeschimpfer“ werden ließ, zum bestgehassten, tiefstverabscheuten und meistverunglimpften Schriftsteller unseres Landes. Doch Thomas Bernhard ist in seinen selbstironischen Texten oft unerbittlicher gegen sich selbst als gegen die verhassten Funktionäre, Juroren oder Politiker. Thomas Bernhard hat den Literaturpreiszirkus Zeit seines Lebens verabscheut.

Ja mehr noch, er hat ihn gefürchtet und gehasst, und er hat über ihn gelacht, so gut es ging. Dieser Mann hat es wahrlich nicht leicht gehabt mit seiner Umwelt. Und mit sich selbst am allerwenigsten!



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