Zelter, Joachim: Der Ministerpräsident

verfasst am 29.09.2010 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Satire, Zelter, Joachim

Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg wurde bei einem fürchterlichen Autounfall schwer verletzt. Dr. Claus Urspring überschlug sich mit seinem Dienstwagen mehrere Male und wurde ins Klinikum Heiligenberg eingeliefert. „Man fragt sich, warum sein Chauffeur nicht bei ihm war, warum Urspring den Wagen lieber allein steuern wollte. Vielleicht weil er ein leidenschaftlicher Fahrer ist.“

Nach zehn Tagen erwacht er aus dem Koma. Kann sich an nichts mehr erinnern. Leidet an systematisierter Amnesie. Der Ministerpräsident ist sich selbst völlig fremd. Hat keine Ahnung was ein Politiker so macht. Erkennt seine Mitarbeiter nicht mehr. Nicht einmal mehr seine eigene Frau. „Wer sie ist? Woher sie kommt? Seit wann wir verheiratet sind? Warum ich überhaupt verheiratet bin? Der Gedanke war mir fern. Verheiratet zu sein. Eine Frau zu haben. Oder von einer Frau gehabt zu werden.“

Aber die Zeit drängt, denn zu allem Überdruss steht auch noch ein alles entscheidender Wahlkampf bevor. Sein engster Mitarbeiter, der seine rechte und linke Hand ist, der sein Gehirn ist, das er allerdings bereits vor dem Unfall war, steht vor großen Problemen. „Herr März kam. So nannte er sich: März. Julius März. März wie Januar, Februar, März. Er kannte mich. Er kannte mich mit einer Vehemenz, die mich beeindruckte.“

Durch den Unfall hat Urspring den von seinen Landleuten so geliebten Dialekt in seiner Aussprache verloren. Er spricht jetzt eher hochdeutsch. Sein Englisch wiederum hat sich dagegen schlagartig verbessert. Doch gewählt wird schließlich in einem deutschen Bundesland und nicht in Kalifornien. Ein waschechter Ministerpräsident und kein Gouvernator.

Außerdem hinkt der Ministerpräsident. Das geht schon gar nicht. Ist quasi ein absolutes No-go. Schlechte Voraussetzungen also, weil „ein Wahlkämpfer zwei Dinge jederzeit beherrschen müsse: Sprechen und Gehen…“

Aber März ist ein echter Tausendsassa und entwickelt einen genialen Plan, der sogar Carl Rove vor Neid hätte erblassen lassen. Er engagiert die junge Tontechnikerin Hannah, eine „Redenschneiderin“, die maßgeschneiderte Ansprachen für die Wahlkampfeinsätze anfertigen soll.

Urspring muss dann nur noch die Lippen dazu bewegen. Ein wenig gestikulieren. Und natürlich blicken. Blicken ist ganz wichtig. „PPB: political play back“ nennt sich das. Praktisch der soufflierte Mensch – besagter Carl Rove hat bereits 2004 Georg W. Bush einen Sender auf den Buckel geschnallt.

Wenn es kein Geschwulst war, dass wegen des dichtgedrängten Terminkalenders erst nach dem Wahlkampffinish entfernt werden konnte. Auch gegen das Hinken wird schließlich Abhilfe gefunden. Der Ministerpräsident wird einfach nicht gehen. Er wird fahren. Mit dem Fahrrad. Immer bergab, damit er nicht schwitzt. Seine Klimaziele propagieren. Minus zwanzig Prozent CO2-Ausstoß!

Scheinbar sind alle Probleme gelöst. Die Umfragewerte sind hervorragend. Julius März scheint ein Genie zu sein, sozusagen die Thekla unter den Spindoktoren. Doch kann dieser wahnwitzige Plan wirklich funktionieren?

Joachim Zelter hat mit diesem Roman eine gnadenlose Satire vorgelegt. Die Figuren sind klar gezeichnet, es wimmelt nur so vor Anspielungen und die Handlung ist mehr oder minder orginell.

Ein Schelm, wer bei dieser Geschichte an den schweren Schiunfall des thüringschen Ministerpräsident Dieter Althaus und sein seltsames Verhalten danach denkt – tja, dann bin ich halt ein Schelm! Der Roman erinnert auch an den SCHLAZ, den schnellsten Landeshauptmann aller Zeiten aus Kärnten, der allerdings mit seiner Raserei noch mehr verlor.

Mit kurzen stakkatoartigen Sätzen drückt der Autor immer wieder aufs erzählerische Tempo. Claus Urspring, der keine Ahnung von sich hat, hält als Ich-Erzähler folgerichtig Distanz zu seiner Person und schildert die wesentlichen Funktionen des Ministerpräsidenten. Dem Amt ein Gesicht geben. Die Partei an der Macht halten. Die Funktionäre an die Futtertröge führen. Aber das Buch hat auch seine stillen Momente, vor allem in der Beziehung von Urspring zu seiner Redenschneiderin Hannah.

Joachim Zelter schaffte es mit „Der Ministerpräsident“ bis auf die Longlist des Deutschen Buchpreises. Die Shortlist blieb ihm allerdings versagt – vielleicht ist der Roman dafür einfach zu kurz.

Mir ging es jedenfalls wie Andreas beim Lumpenroman von Bolano: kaum hab’ ich zu lesen begonnen, war ich auch schon wieder fertig.


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