Toltz, Steve : Vatermord und andere Familienvergnügen

verfasst am 10.08.2010 von | 1 Kommentar
Rubriken: Romane, Toltz, Steve

Gleich zu Beginn möchte ich an die Rezension von Andreas über den neuen John Irving anknüpfen, den Spieß aber einfach umdrehen und ihnen mitteilen, dass es bei „Vatermord und andere Familienvergnügen“ von Steve Toltz äußerst schade gewesen wäre, hätte ich es nicht gelesen.

„MEET THE DEANS“ steht auf der Rückseite des Buches und wenn man/frau Lust auf einen Ausflug an den Rand des Wahnsinns hat (stellenweise auch weit darüber hinaus, praktisch ins Auge des Taifuns), eine Jagd über drei Kontinente unternehmen oder sich in Irrenanstalten, Stripclubs und Labyrinthen wiederfinden möchte, würde ich mir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen.

Wie ein Wirbelsturm erzählt der Autor auf knapp 800 Seiten mit ungebändigter Lust am Fabulieren die schier unglaubliche Geschichte der Familie Dean aus Australien, jenem Kontinent von dem wir am wenigsten wissen, weil er halt so verdammt weit weg ist. Doch Steve Toltz rückt diesem Manko gnadenlos zu Leibe!

Als Erzähler des Romans fungiert über weite Strecken der einzig Überlebende der Familie, Sohn Casper Dean, der seine Aufzeichnungen in einer Gefängniszelle beginnt, in die er durch die illegale Einreise in sein Heimatland Australien gelangt ist. Unumschränkter Star des Romans ist sein Vater Martin Dean, der im Lauf der Geschichte das Kunststück zuwege bringt, zum meistgehassten Menschen Australiens aufzusteigen Einen derart schrill-schrägen, aber auch genialen-komischen Typen hat die moderne Literaturgeschichte auch schon lange nicht mehr zu Gesicht bekommen.

Martin Dean zu beschreiben, all seine Facetten, seine Ideen, seine Macken (und da gibt es wirklich jede Menge!) würde den vorhandenen Rahmen dieser Rezension um ein Vielfaches sprengen. Nur so viel: hochintelligent, höchstgebildet, ein Moralist sondergleichen, alles und allem mit Zweifel begegnend und den Glauben bekämpfend wo er sich zeigt, gleichzeitig aber an einem neuen Gesellschaftssystem für Australien arbeitend.

Martin gegenüber steht sein Bruder, Caspers Onkel Terry Dean, der meistgeliebte und – verehrte Verbrecher Australiens, der bei einem Gefängnisbrand ums Leben kommt. Legendenstatus erreichte Terry dadurch, dass er sämtliche in einen Sportwettenskandal involvierte Buchmacher und Sportler in Down under ins Jenseits beförderte. Tja, da kennen sie anscheinend keine Gnade die Australier, sprich der Sport muss sauber bleiben!

Ergo hat Casper in diesem Spannungsfeld nicht den Funken einer Chance sich halbwegs normal zu entwickeln, stellt aber in diesem Sammelsurium von äußerst verhaltensorginellen Protagonisten noch den am ehesten vernunftbegabten Akteur dar. Katastrophe folgt auf Katastrophe, eine Tragödie löst die nächste ab und haben es die Deans endlich wieder irgendwie geschafft den Kopf aus diesem Sumpf zu stecken, kommt schon die nächste Schlammlawine und das Ganze geht wieder von vorne los.

Die Entwicklung in Australien dürfte analog zu jener in unseren Breiten verlaufen, also die Zahl der erheblich Durchgeknallten steigt an und die anderen kommen mit dem Kopfschütteln gar nicht mehr nach. Einige Male wechselt Toltz die Erzählposition und Vater Martin lässt uns mittels Tagebucheintragungen oder 200-seitigem Monolog über seine Kinder- und Jugendjahre an seinem bizarrem Ideenkosmos und Erlebnissen teilhaben.

Steve Toltz, aus dessen Biografie hervorgeht, dass er schon sehr vielen Berufen nachging, ist ein blendender, höchst kreativer Erzähler und kam mit „Vatermord“ völlig zu recht auf die Shortlist für den renommierten Booker-Preis.

Seine Sprache entwickelt von der ersten bis zur letzten Seite einen Sog, der einen zwischen die Buchdeckel hineinsaugt und sich da wieder freizustrampeln ist gar keine so leichte Übung – da wird vorher noch die Weste eines ehemaligen Finanzminister supersauber oder aus einem verstorbenem Landeshauptmann ein honoriger Mann und Wohltäter.

Toltz besticht durch seine exzellente Beobachtungsgabe, die Medienkritik bzw. wohl eher –schelte in „Vatermord“ ist nicht von schlechten Eltern und knistert nur so vor Ironie. Auf eine detailliertere Skizzierung der Handlung verzichte ich bewusst, weil einerseits so verdammt viel und andererseits müssen sie da schon selbst durch. Aber wie schon zu Beginn geschrieben (Verzeihung, ich wiederhole mich), dieses Buch nicht gelesen zu haben ist, wäre möglicherweise ein herber persönlicher Verlust!

PS: Nach längerer Zeit auch wieder mal Nachricht von Zacharias Zakel, meinem Zakelschaf! Gestern war der Tierarzt zu Besuch bei Zachi und seiner MamaJa, auch bei Zakelschafen gibt es die Mutter-Kind-Pass-Untersuchung! Sie bekommen aber kein Kindergeld – so etwas gibt es vielleicht in Kärnten, aber sonst wahrscheinlich nirgends. Zacharias und seine Mama möchten trotzdem lieber bei uns bleiben!



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  • Kommentar von  Annette am 06.10.2011 um 17:29 Uhr Uhr

    In einer Zeit voller NLP-Sprech, bei der ungustiöse Dinge euphemistische Namen wie „Freisetzung“ und „negative Gewinnerwartung“ bekommen, ist es doch mal richtig erfrischend, wenn Destruktives auch genau so beschrieben wird, wie es ist. Der Vergleich mit Irving ist mehr als berechtigt. Bizarre Geschichte, familiäre Verstrickungen, ziselierte Beschreibung von (allzu) menschlichen Eigenschaften und kaum Sonne. Alle handelnden und nicht handelnden Personen sind irgend etwas zwischen irre und eklig, trotzdem mag man sie – hohe Kunst.
    Wie ein Irving nur ohne Bären.
    Danke für den Tipp!!

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