Li, Yiyun: Die Sterblichen

verfasst am 09.02.2010 von | 1 Kommentar
Rubriken: Li, Yiyun, Romane

Eigentlich könnte ich es mir leicht machen und das vorliegende Werk in einem Satz beschreiben: „Die Sterblichen“ ist ganz ganz große Literatur, schlicht und einfach Weltliteratur! Lesen sie es selbst und tauchen sie ein in die absolute Düsternis aus der es kein Entrinnen gibt.

Yiyun Lis Meisterwerk beginnt am 21. März 1979, jenem Datum, an dem Tag und Nacht gleich sind, wie es alle Menschen in einem sozialistischen System sein sollten.

Es herrscht Festtagsstimmung in Hun Jiang (Schlammiger Fluss), einer der neuen Städte im chinesischen Nirgendwo, ca. 1000 Kilometer von Beijing entfernt. Ein nüchterner, am Reißbrett entworfener Ort mit kleinen Fabriken und noch kleineren Häusern, die anonym in Reih und Glied stehen wie ihre Bewohner.

Es herrscht Festtagsstimmung, niemand muss arbeiten, da die Hinrichtung der 28-jährigen Gu Shan bevorsteht, zum Tode verurteilt wegen Konterrevolution – das Standardurteil in totalitären Systemen. Die Einwohner versammeln sich im Stadion der Stadt um der sogenannten „Denunziationszeremonie“ beizuwohnen, die der Abschreckung dienen soll.

Gu Shan werden „sicherheitshalber“ vorher die Stimmbänder durchtrennt und auch die Nieren bei lebendigem Leib entnommen – diese sind für einen älteren Parteikader reserviert. Da der Boden noch gefroren und hart ist, wird der Leichnam nur mit Steinen beschwert im Wald abgelegt und so kann sich auch noch ein perverser Alter an ihrem Körper vergehen. „Der Tod ist nicht das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann.“

In Hun Jiang leben 80.000 Menschen, hauptsächlich Zuwanderer vom Land und wie ein Dokumentarfilmer beleuchtet Li einige typische Menschen, deren Namen bereits einen Vorgeschmack auf die Atmosphäre geben: der alte Hua, Lehrer Gu, ein Hund namens Ohr, die missgebildete zwölfjährige Nini und ein heranwachsender Junge namens Bashi.

Alle sind sie Opfer einer verkrüppelten Gesellschaft, die praktisch die Menschlichkeit geächtet und Unschuld zu einem Verbrechen gemacht hat. In dieser kaputten Welt versucht sich jeder so gut es geht durchs Leben zu schlagen. Alte Männer durchwühlen den Müll, Ratten werden gekocht, der Mehlkleister wird abgeleckt mit dem die Bekanntmachungen an die Mauern geklebt werden.

Ein älteres Ehepaar nimmt eine ganze Reihe ausgesetzter kleiner Mädchen auf und zieht sie groß, bevor sie ihnen wieder weggenommen werden. Die Grundlage der chinesischen Gesellschaft, die Familie, ist zerstört.Das Vaterland ist eine Gesellschaft von Waisen, selbst nach dem Ende der Kulturrevolution, als die Menschen nach dem Zwangsaufenthalt auf dem Land in die Städte zurückkehren.

Wie mit einer Kamera schwenkt Li mit ruhiger, konzentrierter Geduld über dieses Panorama des Leids und versammelt dabei eine Anthologie von Horrorgeschichten. Die Schilderungen der Kinderschicksale sind von Dickens’scher Intensität.

Li interessiert sich nicht für das System an sich, sondern für die Kosten und Konsequenzen, die sich aus einer verrückt gewordenen Gesellschaft ergeben, in der Kapitulation als höchste Tugend und Mitgefühl als Sünde betrachtet wird. Die Regierung im fernen Beijing bleibt im Roman so gesichtslos und fern, wie sie es auch in Wirklichkeit gewesen sein muss – Deng Xioapeng, der neue Führer wird nicht erwähnt.

Entweder versucht man/frau in dieser Welt unauffällig zu bleiben und sich durchzulavieren oder man erhebt sich gegen das System und kommt dabei höchstwahrscheinlich um. Der einzige Weg das Überleben zu sichern, ist irgendeine Form von Verbrechen – ein Junge lernt, dass er seinen Vater nur beschützen kann, wenn er Unschuldige denunziert.

Die verdrehte Logik des Systems führt dazu, dass das Wohlergehen jeder einzelnen Person stets mit dem Leid einer anderen verbunden ist: Überleben bedeutet Selbstschutz und sich selbst beschützen bedeutet den Nachbarn verraten. Das Ergebnis ist eine Welt, in der Mütter hoffen, dass ihre Kinder keine Ausbildung erhalten, denn Bildung bedeutet Denken und Denken bedeutet Ärger.

Die Handlung der „Sterblichen“ spielt im Frühling, der auf die Hinrichtung folgt, als plötzlich Flugblätter auftauchen, die ketzerisch fragen, warum freiheitliche Vordenker wie Gu Shan hingerichtet werden müssen. Aus Beijing kommt die Nachricht, dass eine „Mauer der Demokratie“ errichtet worden ist, die es den Menschen erstmals ermöglicht, ihren Protest zu äußern.

Immer mehr tapfere Bürger, zumeist Mütter, versuchen nun ihre verängstigten Nachbarn zu mobilisieren und die Massen, die vorher zur „Denunziationszeremonie“ marschiert sind, gehen nun dieselbe Strasse entlang, um einen Dissidenten zuzuhören, der zu den Waffen ruft.

Die Kraft und das Genie von Lis Roman liegt darin, uns zu zeigen, wie in diesem auf den Kopf gestellten Universum die Integrität selbst eine Form von Gewalt sein kann: Eine tapfere Frau, die sich gegen das System ausspricht, bringt damit nur Elend und Demütigung über ihre Mutter und zerstört die Zukunftsaussichten ihrer jüngeren Schwester.

In klarer, äußerst präziser Sprache schildert die Autorin die Mechanismen eines totalitären Staates, der wie der Name schon suggeriert in alle Lebensbereiche eindringt.

„Die Sterblichen“ endet nach 40 Tagen, und dies nicht zufällig, mit den kommunistischen Feierlichkeiten zum Ersten Mai.

Obwohl Yiyun Li 1979 noch ein Kind war, kann man/frau spüren, wie sehr sie von den Grausamkeiten, die sie beschreibt geprägt worden ist, auch wenn sich ihre menschenfreundlichen Geschichten von Leid und gelegentlicher Freundschaft in die entgegengesetzte Richtung wenden. „Die Sterblichen“ ist ein herzzerreißendes, düsteres, von konzentriertem, unterdrücktem Zorn getragenes Buch, wie ein endloser Alptraum aus dem es kein Erwachen gibt. Li sammelt die grauenhaften Ereignisse, häuft sie Abschnitt für Abschnitt auf zu einer soliden Mauer aus Ziegelsteinen, wie sie am Cover des Romans zu sehen sind.

Die Autorin gehört für mich neben Junot Diaz zu den ganz großen „jungen“ amerikanischen Schriftstellern und Diaz hat im letzten Jahr den Pulitzerpreis bekommen – Yiyun Li wäre eine absolut würdige Nachfolgerin!

„Die Sterblichen“ erinnert an die unzähligen, namenlosen Toten, die nur ein paar Zentimeter tief unter dem Boden liegen, unterhalb der neuen Flut aus Reklametafeln, die die Errungenschaften der letzten chinesischen Revolution des 21. Jahrhunderts preisen. Einer Revolution, die sich schlauerweise entschlossen hat, ihre Raubzüge mit Armani und Calvin Klein zu bemänteln.

PS: Der Roman endet am 1.Mai 1979 und einen Monat später, am 3. und 4.Juni kam es zum Massaker am Platz des Himmlischen Friedens (Tiananmen). Das offizielle China sprach von 200 toten Zivilisten, das chinesische Rote Kreuz von 2600 getöteten Menschen. Aber Yiyun Li schreibt von Krankenhäusern, wo sich in den Garagen und Lagerräumen die Leichen bis an die Decke stapelten. Im Zweifelsfalle ist es immer angeraten der eigenen Beobachtung trauen!



RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag 1 Kommentar


  • Kommentar von  Peter Richter am 22.04.2012 um 12:35 Uhr Uhr

    Nur als Empfehlung: Erst denken, dann schreiben! Dann kann man vielleicht vermeiden, das Tienanmen-Massaker um zehn Jahre vorzuverlegen.

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