Milborn, Corinna: Gestürmte Festung Europa

verfasst am 31.12.2009 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Milborn, Corinna, Zeitgeschichte

Europa baut eine Festung gegen die illegale Einwanderung aus afrikanischen und asiatischen Staaten auf. Die Bekämpfung der illegalen Migration steht bei allen Verhandlungen mit EU-Anrainerstaaten ganz oben auf der Tagesordnung. Diese Grenzstaaten spielen die Grenzpolizei für Europa und bekommen dafür wirtschaftliche Hilfe. Als Beispiel gibt die Autorin an, dass Barcelona für die nächsten 5 Jahre (gerechnet ab 2006) 15 Milliarden Dollar zugesichert wurden. Allerdings garantiert keines dieser Länder ein faires Asylverfahren für die Flüchtlinge, alle sind für Folter und Menschenrechtsverletzungen bekannt.

In Europa findet eine moderne Völkerwanderung statt, ausgelöst durch Armut und wirtschaftlicher Abhängigkeit. Scheinbar hat die europäische Politik das noch immer nicht begriffen. “Es ist nicht die Einwanderung die Probleme schafft – es ist der politische Umgang damit“. Es reicht, sich die Innenpolitik unseres eigenen Landes anzuschauen!

Corinna Milborn bringt einen erschütternden Bericht über Menschen, die mit ihrer sozialen Lage im Abseits der Gesellschaft, am Rande Europas, nicht zur Ruhe kommen. Beispielsweise die Todesfalle Mittelmeer. 13 Kilometer trennt Afrika und das europäische Festland.  Menschen, die in Wasserpfützen versucht haben Schwimmen zu lernen, versuchen das Meer zu überqueren um dem Tod im eigenen Land zu entrinnen. Viele sterben bei diesem Unterfangen. Die Hoffnung hat sie an eine bessere Zukunft glauben lassen.

Weiteres erschütterndes Beispiel ist die Massenflucht von Mauretanien oder Süd-Marokko auf die Kanarischen Inseln. 2005 erhielten die beiden spanischen Exklaven Ceuta und Melilla Weltöffentlichkeit. Hunderte Flüchtlinge stürmten gegen die Zäune der Grenzstädte, wurden aber von spanischen Grenzwachen zurückgedrängt. Anschließend wurden die Flüchtlinge dem marrokanischen Militär übergeben. Dieses setzte die Emmigranten ohne Wasser und Nahrungsmittel in der Wüste aus. Detail am Rande: das marokkanische Militär darf – im Gegensatz zu den spanischen Grenzbeamten – mit scharfer Munition gegen Flüchtlinge vorgehen.

Auch Lampedusa dürfte mittlerweile ein Begriff sein für Flüchtlingsdramen. Mittlerweile in den Nachrichten allgegenwärtig, immer negativ besetzt durch den Begriff Tod.

Viele Gründe für das Elend in Afrika, aus dem es keinen Ausweg zu geben scheint, hat ihren Ursprung in der Kolonialzeit. Die europäischen Kolonialmächte haben diese Länder rücksichtslos ausgebeutet. Bis heute sind diese vom Export der von Europa eingeführten Produkte abhängig. Viele Länder sind in der Schuldenfalle, die die Entwicklungsländer an den Rand der Zahlungsunfähigkeit drängt.

Ich konnte dieses Buch immer nur kapitelweile lesen. Die Unmenschlichkeit, die Europa bereit ist zu tolerieren, hat mich ziemlich erschüttert. Ein wichtiges Buch für ein Demokratie- und Humanismusverständnis, das auch unmittelbar (er) lebbar werden muss!

Corinna Milborn ist Politikwissenschafterin, Autorin und Journalistin in Wien. Sie ist Co-Autorin von UN-Botschafterin Waris Dirie (Schmerzenskinder), Redakteurin bei Format und Chefredakteurin der Menschenrechtszeitschrift liga. Seit Jahren setzt sie sich mit den Themen Globalisierung, Menschenrechte und Migration auseinander. Ihr Buch „Gestürmte Festung Europa“ wurde mit einem Bruno-Kreisky-Preis für das Politische Buch ausgezeichnet.


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