Stangl, Thomas: Was kommt

verfasst am 20.11.2009 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Stangl, Thomas

Thomas Stangl - was kommtCybille Kramer, eine Rezensentin der „Frankfurter Rundschau“ bezeichnete den 1966 in Wien geborenen und lebenden Thomas Stangl als würdigen Erben von Thomas Bernhard und Robert Musil. Da die beiden nicht unbedingt zu den Nebenfiguren der österreichischen Literaturgeschichte zählen, verhieß die Lektüre eine spannende Angelegenheit zu werden. Um es gleich vorwegzunehmen: Es ist ein grandioser Roman, der Beste den ich aus Österreich seit vielen Jahren gelesen habe, eigentlich seit Arno Geigers Meisterwerk „Es geht uns gut“.

Stangl wählt in „Was kommt“ exemplarisch zwei Menschen aus den vielen Lebenden und Toten der jüdisch geprägten Wiener Leopoldstadt des 20. Jahrhunderts und erzählt parallel ihre Lebensgeschichte. Von der 17-jährige Emilia Degen in der Zeit des Ständestaates, als die Schulstunden noch mit dem gemeinsamen Ruf „Österreich“ beginnen , am Vorabend der großen Katastrophe und dem einige Jahre jüngeren Vollwaisen Andreas Bichler, 40 Jahre später in der Ära von Bruno Kreisky und dem Luftsprünge vollführenden Hans Rosenthal.

Emilia und Andreas weisen viele Gemeinsamkeiten auf. Sie wohnen bei ihren Großmüttern, sind in ihren Schulen Außenseiter und der Pubertät ausgesetzt, vielleicht deshalb sehr sensibel für Stimmungen und Erfahrungen, Räume und Zeiten, Leben und Tod. Die vier Dekaden Zeitunterschied stellen keine Barriere in diesem faszinierenden Geschichtsroman dar, der den gesellschaftlichen Zustand vor einen Umbruch untersucht. Laufend offenbaren sich überraschende Verbindungen, Wege, Korridore und Übergänge. Manchmal hat man/frau an bestimmten Orten das Gefühl die beiden begegnen einander tatsächlich.

Aber es gibt auch wesentliche Unterschiede. Emilia leidet unter Enge und Dumpfheit des austrofaschistischen Systems, sie will studieren, will andere Länder kennenlernen. Sie „weiß, die wirklichere Welt ist die Welt des Verbotenen, kleine Inseln, ausgeschnittene Orte, die sich ausdehnen können, über die Grenzen hinweg ins Feindesland“.

Andreas dagegen, bohrt Nacht für Nacht mit dem Finger in einem Loch in der Wand neben dem Bett, träumt davon, sich eine Öffnung zu schaffen, in der er verschwinden kann, „die Enge soll ihn umschließen: im Inneren der Höhlungen, die erst im allerengsten Raum entstehen, entdeckt er Weiten, die sich nicht ermessen lassen“.

Er zeichnet in seinem Schulheft das Hakenkreuz neben den RAF-Stern, schockiert seine Umwelt mit von der Großmutter aufgeschnappten Phrasen („Ich mag den Kreisky auch nicht, mit seiner Judennase“), die seinen Außenseiterstatus verfestigen. Er nennt das die „Wörter vor die Angst stellen“.

Der Antisemitismus ist für Andreas sinnentleert, aus der Vergangenheit, für Emilia ist er Gegenwart und Zukunft. „Geschichte heißt nicht, all das ist aus und vorbei“, doziert Emilias Geschichtslehrer Dr. Seinitz, „Geschichte heißt, das kommt erst.“ Als Leser weiß man/frau was kommt, Emilia weiß es noch nicht, Andreas will es nicht wissen.

Für kurze Zeit erlebt Emilia die ersehnte Weite und Liebe, liest verbotene Bücher, besucht mit dem jungen jüdischen Kommunisten Georg Jura-Soyfer-Abende. Aber Georg wird bald spurlos verschwinden. „Jetzt sind wir unter uns“, erklärt Emilias Deutschlehrer. Auf vielen Schaufenstern wird bereits „Ist in Dachau“ stehen. Nach acht Jahren wird sie die Hoffnung aufgeben Georg jemals wiederzusehen, wird nicht studieren, in einer Fabrik arbeiten, von einem Mann eine Tochter bekommen, der für sie „nur ein Stück Fleisch“ ist.

Thomas Stangls Roman öffnet Türen in Zwischenräume, zwischen Erzählen und Nichterzählen, Raum und Zeit, zwischen Vergangenheit und Zukunft, Leben und Tod, Möglichkeit und Wirklichkeit, hebt die Grenze zwischen Lebenden und Toten auf. Immer wieder verschwimmen Traum und Wirklichkeit, Zeit und Ort entstehen im Blick seiner Figuren, zugleich vernimmt man /frau die bedrohlichen Töne des Kommenden, von dem „was kommt“. Der Autor begibt sich in die Tradition des romantischen Schauerromans, thematisiert die Untoten, die Wiedergänger, wobei offen bleibt, ob die dargestellten Ereignisse real oder aus schizophrenen Bewußtseinszuständen entstehen, privilegiert das Uneindeutige gegenüber dem Eindeutigen.

Stangl erzeugt drastische Bilder und Stimmungen, die normal der Kinoleinwand vorbehalten sind. Einmal lesen bedeutet bei diesem Buch kein mal lesen, viele Räume sind noch nicht geöffnet, viele Blicke noch nicht geworfen, das Netz der viele Linien noch schemenhaft. Selbstredend, dass dieses Buch mit Preisen überhäuft wurde und es bis auf die Shortlist des „Deutschen Buchpreises“ geschafft hat.

Robert Musil und Thomas Bernhard hätten „Was kommt“ wahrscheinlich auch mit Begeisterung aufgenommen und wer weiß, vielleicht hatte es sie auch zu einem anerkennenden Nicken inspiriert.


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