Benioff, David: Stadt der Diebe

verfasst am 16.08.2009 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Benioff, David, Romane

stadt-der-diebeIm Winter des Jahres 1942 wird der 17-jährige Lew beim Plündern der Leiche eines deutschen Soldaten erwischt und ins berüchtigte Leningrader Kresty-Gefängnis gebracht. Seit Kriegsbeginn hat dieses Gefängnis kein Mensch mehr lebend verlassen und er wartet in der dunklen Zelle auf den sicheren Tod.

Seinen Mithäftling Kolja, einen charismatischen, gutaussehenden Soldaten der Roten Armee, der auf Grund eines amorösen Abenteuers Fahnenflucht beging, scheint das drohende Lebensende wenig auszumachen.

Doch am nächsten Morgen werden sie nicht exekutiert, sondern einem Geheimdienstoberst vorgeführt. Dieser gibt ihnen die Chance auf Freiheit, wenn es ihnen gelingt innerhalb weniger Tage 12 Eier für die Hochzeitstorte seiner Tochter zu besorgen. Und dies im eingekesselten Leningrad, eine schier unlösbare Aufgabe! Durch die deutsche Belagerung gibt es schon lange nichts mehr zu essen, in der Stadt breitet sich bereits der Kannibalismus aus.

Für Lew und Kolja, ein völlig ungleiches Paar, beginnt eine abenteuerliche Jagd, die sie durch halb Leningrad und schließlich hinter die deutschen Linien führt. Sie treffen auf Einsatzgruppen der Waffen-SS, schließen sich einer Partisanengruppe an, wo sie die sehr eigenwillige Scharfschützin Vika kennenlernen und geraten schlussendlich in Gefangenschaft. Da Lew ein hervorragender Schachspieler ist, versucht Kolja ein Spiel um die 12 Eier gegen den gefürchteten SS-Oberst Abendroth zu arrangieren.

Aber die Zeit wird langsam knapp!

David Benioff, in den letzten Jahren hauptsächlich als Drehbuchautor (Troja) tätig, legt einen handwerklich ausgezeichnet gemachten historischen Abenteuerroman vor. Die Geschichte ist ständig in Bewegung, verharrt nirgends lange, die Bilder laufen ab wie bei einem gutgemachten Film. Die Atmosphäre ist dicht und der Spannungsbogen hält bombenfest bis zum Schluß.

Das Ende erinnert dann auch ein bisschen daran, dass der Mann mitten in Hollywood sitzt. Der Roman ist auf pseudobiografischen Hintergrund aufgebaut, da im ersten Kapitel suggeriert wird, es handle sich um die Kriegserlebnisse von Benioffs Großvater.

Der Autor hat ein gutes Gefühl für die Balance von Spannung und Komik und das vor einem doch sehr ernstem Hintergrund. Vor allem dann, wenn sich der vorlaute und aberwitzige Kolja gefährliche Redeschlachten mit russischen Militärs oder den Nazis liefert. Da erinnert er mich irgendwie an einen jungen Bockerer.

Der historische Hintergrund ist perfekt recherchiert – in der Filmsprache würde man sagen, die Bauten sind stimmig. Die Charaktere bleiben ein bisschen flach, man erfährt im Prinzip am Beginn schon alles von der Persönlichkeit, eine weitergehende Vertiefung im Verlauf des Romans bleibt weitgehend aus.

Manchmal bedient Benioff auch einfach nur Klischees (Jude – große Nase, widerspenstiges Mädchen – rote Haare), aber man kann es ihm nachsehen, er will dafür ja nicht den Nobelpreis. Unterhaltung und Lesevergnügen stehen im Vordergrund und ein Vergnügen war es auf alle Fälle. Wäre mir nicht der Morgen dazwischengekommen, hätte ich die „Stadt der Diebe“ in einer Nacht ausgelesen. Ein kleiner Tipp noch: Warm anziehen, Tee machen und Decken bereit halten, denn es war sehr kalt im Winter 1942 in Leningrad.

Oder noch im Sommer lesen!

PS: Übrigens Adolf Hitler hatte einst Leningrad als die Stadt der Diebe bezeichnet.



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