Nothomb, Amelie : Reality Show

verfasst am 03.08.2009 von | 2 Kommentare
Rubriken: Nothomb, Amelie, Romane

nothomb-reality-showKönnen Sie sich noch an TV-Sendungsformate wie „Big Brother“ oder „Taxi Orange“ erinnern? Genau, Realitätsfernsehen nennt man diesen gehirnzersetzenden Schwachsinn und wenn man heute jemanden fragt, hat natürlich keiner zugeschaut. Ob ich? – nein, natürlich nicht, aber ich leide an Klaustrophobie und kann nicht mal in einen Container hineinsehen ohne das mir schlecht wird.

In Amelie Nothombs Romanwinzling „Reality-Show“ wird der perverse Voyeurismus auf die absolute Spitze getrieben. Ein Pariser Privatsender startet eine Sendung mit dem Titel „Konzentration“ und dahinter verbirgt sich nichts anderes als ein Konzentrationslager, also „Big Brother“ meets Ausschwitz.

Die Häftlinge werden mittels Razzien einfach willkürlich irgendwo zusammengefangen, die Kapos (Wachpersonal) natürlich gecastet, weil Brutalität und Menschenverachtung sollte man als „Anforderungsprofil“ für diesen Job schon mitbringen. Die Fernsehzuseher haben jeden Abend die Möglichkeit mittels Fernbedienung zwei Häftlinge in den Tod zu schicken, wovon natürlich eifrigst Gebrauch gemacht wird und die Einschaltquoten schnellen auf noch nie gemessene Höhen.

Pannonica (Lagername CKZ 114, weil Individualität darf sich in einem KZ keinesfalls ausbreiten) ist der Star der Sendung, wunderschön, von reinster Seele und grundsätzlich ehrlich, irgendwie eine Mischung aus Jesus Christus und Mutter Theresa. Ihr Widerpart ist Kapo Zdena, eine junge, unattraktive, ungebildete Frau, die erstmals in ihrem Leben eine „Aufgabe“ hat, auch wenn es sich nur um das Quälen und Erniedrigen von Menschen handelt.

Pannonica gelingt es einen Rest von Menschenwürde und Gemeinschaftssinn unter den denkbar widerlichsten Bedingungen aufrecht zu erhalten. Anfangs drangsaliert Zdena Pannonica zur Begeisterung des Publikums mit besonderer Härte, doch im Laufe der Zeit verliebt sich die Wärterin in die unbeugsame Gefangene und ein psychosexuelles Duell beginnt.

Nothomb versucht die menschlichen Abgründe unter den Bedingungen von Gewalt, Terror und Todesangst auszuloten, was aber nur bedingt gelingt. Zu simpel die Sätze, aufgeladen mit jeder Menge Phatos, die Romankonstruktion leicht durchschaubar, vieles ist auf Effekthascherei angelegt, der Schluss ist mir einfach zu plakativ.

„Nazi sells“ galt in den letzten Jahren in der der deutschsprachigen Literatur, das kann aber auf Grund der Monströsität und Unfassbarkeit der nationalsozialistischen Verbrechen schnell zur Falle werden und in diese tappt Frau Nothomb mit jungfräulichem Fuß.

Man fragt sich in welchem Gesellschaftssystem eine derartige Sendung möglich wäre, ohne das der halbe Fernsehsender hinter Schloss und Riegel landet. In Diktaturen gewiss, aber Diktaturen sind per se Konzentrationslager, nur das die Lagergrenzen mit den Landesgrenzen ident sind. Besonders verstörend wirkt das die Presse völlig frei über „Konzentration“ berichten kann, also fällt ein diktatorisches Regime als Erklärungsansatz auch wieder aus.

Amelie Nothomb, die eigentlich eine sehr gute Erzählerin ist, scheitert meines Erachtens kollosal an der Größe des Themas. Zugegeben, an das Thema Holocaust im Container hat sich noch niemand herangewagt, aber man sollte auch die Finger davon lassen. Es sei denn man hat es selbst erlebt bzw. überlebt und man kann über diese Zeit schreiben.

Aber die Schuldigen, die an der fast epidemieartigen Ausbreitung von Reality-Formaten in den letzten Jahren den größten Anteil haben benennt Nothomb eindeutig: sie und ich, also die Zuseher! Denn wenn wir diesen Schwachsinn nicht sehen würden, würde ihn auch niemand produzieren.

Selbstbeschränkung bei der Medienauswahl ist also angesagt! Vielleicht doch lieber ein Buch lesen!



RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag 2 Kommentare


  • Kommentar von  Andreas am 04.08.2009 um 06:07 Uhr Uhr

    Sobald Geld gespart werden muss, werfen die TV-Sender immer mehr von diesem Reality-Zeugs ins Programm. Genau das passiert gerade. Doch die würden das wohl nicht machen, wenn sich’s niemand ansehen würde. Traurig!

    Schließe mich dem Aufruf an: besser Lesen!!!

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