Norbert Horst: Splitter im Auge

verfasst am 13.10.2011 von | 1 Kommentar
Rubriken: Horst, Norbert, Kriminalromane

Kommissar Thomas Adam, von allen nur Steiger genannt, weil sein Vater Bergmann war, ist ein alter Haudegen des Einsatztrupps der Dortmunder Kriminalpolizei. Knapp über 50, geschieden, desillusioniert und gesundheitlich angeschlagen vermittelt er irgendwie den Eindruck eines Wallander aus dem Ruhrpott. Da Steiger der Hang zu Eigensinnigkeiten nicht abzusprechen ist, landete er auf dem beruflichen Abstellgleis, sprich viele Spät- und Nachtdienste, Einsatz dort, wo gerade Not am Mann ist.

Vor kurzem war Steiger Mitglied in einer Mordkommission, die den bestialischen Sexualmord an einem Mädchen aufgeklärt hat. Der Täter, ein Asylwerber aus Burkina Faso wurde aufgrund eines anonymen Hinweises und überreichlich vorhandener DNS rasch gefasst und anschließend verurteilt. Allerdings passt die Aussage einer Zeugin nicht ins Bild, die das Mordopfer nach ihrem Verschwinden noch lebend gesehen haben will und von ihr sogar eine SMS mit der Bitte um Hilfe erhalten hat.

Steiger beginnt an der offiziellen Version zu zweifeln und nimmt gemeinsam mit seiner jungen Partnerin Jana Goll, einer engagierten Ermittlerin mit kasachischen Wurzeln, die Fährte wieder auf, was in seiner Dienststelle auf heftige Ablehnung stößt. Bei seinen Recherchen stößt Kommissar Adam auf zwei ältere Fälle, die signifikante Parallelen zum aktuellen Kriminalfall aufweisen. Steiger vermutet einem Serienmörder auf der Spur zu sein, aber niemand will ihm Glauben schenken.

Steiger verlässt sich nicht so sehr auf die Fakten, sondern auf sein Bauchgefühl, wie es viele große Kriminalisten in der Literatur zu tun pflegen. Unterstützung erhält er nur von Paul Battaglino, dem bestaussehenden Polizisten im Lande, so eine Art George Clooney der Dortmunder Polizei, mit dem er seit den gemeinsamen Anfängen in der Polizeischule eng befreundet ist.  

Parallel zum Krimiplot erzählt der Autor die Lebensgeschichte der Täter, einem ungleichen Brüderpaar aus schwerreichem Hause. Auch Steiger sieht sich plötzlich mit einem Halbbruder konfrontiert, der nach dem Tod seines Vaters, kurz vor der Testameneröffnung, einer außerehelichen, vor allen geheim gehaltenen Beziehung entsteigt.

Norbert Horst ist von Beruf Kriminalhauptkommissar in Nordrhein-Westfalen und hat selbst in zahlreichen Mordfällen ermittelt. Im Blick hinter die Kulissen des Polizeigetriebes liegt auch die absolute Stärke dieses Kriminalromans. Die zunehmenden Drogen- und Eigentumsdelikte vor allem in Großstädten, verbunden mit einer generell steigenden Aggressivität in der Gesellschaft ergeben jene Melange, aus der die sich verbreitende Frustration in den Polizeiapparaten genährt wird.

Die Geschichte verläuft genretypisch in mehreren Ebenen, der Spannungsbogen wird von Seite zu Seite angespannt, um schließlich alle Handlungsfäden am Ende zu einem großen Showdown zusammenzuführen. Die Sprache ist einfach gehalten und ermöglicht eine unkomplizierte und rasche Lektüre der knapp 350 Seiten.

Ärgerlich ist wieder einmal ein eher schlampiges Lektorat. Irgendwie drängt sich mir der schwere Verdacht auf (die seuchenartig sich verbreitende Unschuldsvermutung gilt diesmal nicht), dass speziell bei Büchern die ausschließlich als Taschenbuch verlegt werden in diesem Bereich gespart bzw. geschludert wird. Und wenn dem so ist, dann ist es eine Frechheit!

Stellenweise geraten auch die Sprachbilder ein wenig plump. Beispiel gefällig? „Jana folgte ihm mit einem Gesicht, dem man von der Internationalen Raumstation aus angesehen hätte, dass ihr hier einiges gegen den Strich ging.“  Aber im Großen und Ganzen ein ganz brauchbarer und spannender Krimi für einen verregneten Sonntag oder den einen oder anderen Winterabend. Jedenfalls hat Norbert Horst mit dem Steiger einen neuen deutschen Kriminalkommissar geschaffen, der sicherlich Ausbaupotential hat.

PS: Wie ein Splitter ins Auge stach mir dieses Buch, da es diesen Monat die von ARTE und Zeit erstellte Krimibestenliste anführt und da muss ich mich schon ein bisschen wundern.     


RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag 1 Kommentar


  • Kommentar von  Gerd Schmidt am 17.10.2011 um 10:29 Uhr Uhr

    Ich bin etwas anderer Meinung, denn ich finde das Buch wie das Gros der deutschen Kritikerschaft großartig. Waren Horsts ersten vier Romane noch stilistisch halbrecherisch gewagt, dabei aber hochliterarisch, klingt „Splitter“ auf den ersten Blick konvetioneller erzählt mit einem meist personalem Erzähler, der hier und da mit auktorialem Gestus zu Werke geht. Wie Horst aber diesen Stilwechsel vollzieht, ohne an Klasse und literarischer Wucht einzubüßen, zeigt sein enormes Potential. Er hält sprachlich ein sehr hohes Niveau und die Zeichnung der Figuren ist wie schon in den Kirchenberg-Romanen psychologisch außerordentlich gekonnt. Außerdem ist das Buch sehr spannend, obwohl der an einigeg Stellen massiv gegen Genreregeln verstößt. Der Showdown hätte für mich nicht sein müssen, dennoch: Für mich bisher der Krimi der Saison.

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