Goldt, Max: Okay Mutter, ich nehme die Mittagsmaschine

verfasst am 16.06.2011 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Goldt, Max, Satire

Bei der Lektüre eines satirischen Werkes empfiehlt es sich zur Verstärkung des satirischen Effektes auch auf eine passende satirische Umgebung zu achten. Bei einem hochsatirischen Kompendium wie der vorliegende Kolumnensammlung der ehemaligen Titanic-Edelfeder Max Goldt kann ich nur zu Fahrten mit der österreichischen Bundesbahn raten. Niemals würde ich einen Satz, ja nicht einmal ein Wort in der Lugner-City lesen, weil dort nicht die Satire ihre Blüten treibt, sondern nur die dumpfsinnige Peinlichkeit.

Max Goldt ist ein Meister des messerscharfen Blicks auf die Nebensächlichkeiten des Lebens und diese durchdringt er analytisch bis in ihre Grundfesten, quasi den Baugesetzen des informell Unbedeutsamen. Goldt entdeckt Dinge, die jenen Menschen, die sich mit wichtigen Dingen beschäftigen müssen oder dies sogar freiwillig tun, garantiert verborgen bleiben und dies wäre doch jammerschade.

Moment, jetzt schlingert gerade der Schaffner herbei und ich muss wieder mal meine Auswanderernummer abziehen, weil die immer für eine gewisse Heiterkeit sorgt.

Dabei erzähle ich dem Zugbegleiter während der Fahrkartenkontrolle, dass ich die letzten 15 Jahre in Australien gelebt habe und frage dann wie das so war in Österreich, als der Schüssel Kanzler und diese nicht enden wollende Riege von Marionetten Verkehrsminister waren. Da macht dann das niedrige Pensionsantrittsalter der ÖBB wirklich Sinn, weil ein betagter Zugbegleiter die damit erzeugte cholerische Explosion nur schwerlich unbeschadet überstehen würde.

Sie sehen also, es ist höchst vergnüglich, geistig anregend und auch lehrreich mit Max Goldt durch unser schönes Land zu reisen und Schimpfworte kann man dabei auch lernen, die fielen einem selbst nicht mal im Traum ein. Insgesamt 108 Beiträge in einer durchschnittlichen Stärke von 5 Seiten (pro Kolumne), die sich über den Zeitraum von Juli 1990 bis Jänner 1998 erstrecken, erquicken den Leser dieses Sammelbandes, nebst sorgsam ausgewählten Fotos mit Bildunterschriften und Karikaturen von Tex Rubinowitz.

Max Goldt ist ein zutiefst konservativer Mensch. Er liebte Retro schon, bevor es überhaupt Retro ist, also durch die Retrowelle wieder mit neuem Chic aufgeladen wurde, beispielsweise den Pullunder. Er macht sich Sorgen um den Verfall der deutschen Sprache, will nicht nach Brasilia oder Los Angeles reisen, überhaupt interessieren ihn Elendsviertel nicht die Bohne.

Das finde ich ein bisschen schade, da der Zug gerade in der jüngsten österreichischen Landeshauptstadt eingefahren ist, die in linken Kreisen den wenig schmeichelhaften Kosenamen Sankt Blöden trägt. Hier regiert und (be-)herrscht ein Politiker seine Bürger (an), der sich nicht durch übertriebene Nähe zur Literatur auszeichnet und von bösen Zungen auch als inverser Taliban bezeichnet wird, kurzum er ist einfach kein Feingeist.

Aber zurück zu Max Goldt, der ebenfalls sehr gerne mit der Eisenbahn durch die Gegend rollt und dabei in Orte vordringt, wo nicht einmal die jeweiligen Landesbürger wissen, dass sie sie haben. In meiner näheren Heimat wäre das zum Beispiel die Gemeinde Oed bei Amstetten. Jetzt treibt dem sensiblen Menschen allein die Nennung des Namens Amstetten schon gruselige Schauer auf den Rücken. Und Oed bei Amstetten ist da wie eine Geisterbahnfahrt als Kleinkind. Allein!

Keinesfalls möchte ich einer Oederin oder einem Oeder zu nahe treten, denn dieser Ort hat meiner Erfahrung nach seine Mitte bereits gefunden und ist so wie er heißt.

Und dies ist das höchste Lob das ich auszusprechen vermag – einem Ort gegenüber selbstverständlich.

Ach könnte ich dies doch dem oben erwähnten Bundeskanzler auch nur nachsagen, aber dann müsste er die Ü-Stricherl aus seinem Namen entfernen und eventuell das Sch am Namensanfang durch ein D ersetzen, wie wir durch Enthüllungen in den letzten Jahren schreckensbleich zur Kenntnis nehmen mussten. „Ein kleiner Mann kann keine Mitte haben“, sagte einst meine Großmutter väterlicherseits zu mir, meinte aber die tragische Kanzlerfigur mit dem dollen Fuß. Und wahrscheinlich hatte sie Recht.

Huch, jetzt habe ich mich aber ordentlich verplaudert und der Intercity „Lisl Gehrer – Bildungsexpress Österreich“ fährt bereits in den Wiener Westbahnhof ein. Da dies jedoch ein Kopfbahnhof ist, könnte ich theoretisch auch noch sitzen bleiben und einfach weiterquasseln, aber in unserer Bundeshauptstadt gibt es gar viele köstliche Dinge zu entdecken und deshalb werde ich mich nun höflichst verabschieden.

Vielleicht sollte ich mit einigen Wiener Hausmeistern das Gespräch suchen und fragen wie es meinem Wien in den letzten Jahren so ergangen ist?

Ja genau, so werde ich es machen!


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