Klaus Buttinger, Dominika Meindl: Die Sau

Das Buch ist wirklich „Ein voll arger Heimatroman“, so lautet auch der Untertitel.

Der zwölfjährige Hiob Faustinger schreibt in seinem Tagebuch das Leben seiner Familie nieder. Die Faustingers sind Sauerbauern, so steht auch die Sau – und nicht nur als Metapher – für das Leben dieser Familie im Mittelpunkt. Wohl auch deshalb, weil das Schwein an sich ein sehr soziales Tier sein soll. Als sich letztendlich die ganze Familie auflöst und nur Hiob übrig bleibt, werden die Aufzeichnungen von der Psychophilosophin Monika Mendl analysiert.

Der Sau Klara kommt im Familienverband eine sehr zentrale Rolle zu. Geht es um Erziehungsmethoden in der Faustingerfamilie, der Ausrichtung von Begräbnissen, Umgang mit „Zugroastn“, Klara und „die Sau“ sind präsent.

Als Opa Faustinger stirbt, wird Herbert, ein junges männliches Schwein  geopfert, damit die Zehrung ausgerichtet werden kann. Klara, die einäugige Sau macht sich über den Kräutergarten her, in dem Opa das „Deppenkraut“ kultiviert hat. Damit besiegelt die Sau Klara das soziale Gefüge der Familie bis zum Showdown.

Opa hat sich in seinen jungen Jahren gegen die Nazis gewandt, am Stammtisch haben sie ihn dafür ausgegrenzt. Um das Leben in dem Dorf zu ertragen, hat er eine kleine Plantage angelegt und sich mittels täglichem Konsum von THC aus der Gesellschaft ausgeklinkt.

Der Tagebucheintrag „Saujud“ erzählt vom Opa, von dem die Nachbarn und der Pfarrer immer gesagt haben, er sei ein verkappter Sozi, der durch Heirat Erdäpfel- und Saubauer geworden ist. Ein Zugeheirateter.  Im Dorf haben sie ihn „Kazettla“ genannt und gemeint, er sei nicht umsonst eingesperrt worden. Seither nannten sie ihn Saujud. Daraufhin hat der Opa dem Wirten gesagt „i bin picken gangen wegn soiche Oarschlecha wia du ans bist“  und der Opa ist nicht mehr ins Dorf zu den Nazitrotteln gegangen.

Die Analyse dieses Kapitel lautet „Monogame Kastration und andere Stammeskonflikte“  (Seite 31 ff.)

„Der Kontext dieser Episode liegt historisch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als zwischen den Eingeborenen Europas, Asiens und Amerikas ein heftiger Kampf um Jagdreviere entbrannte. Typisch für atavistische Kulturen erhob sich der  Hegemonialkonflikt nach willkürlicher Festlegung arbiträrer Reizpunkte. Primitive Lebensformen mobilisieren ihre Kämpfe ja stets durch das Antonym „authentisch“ vs. „parasitär“. Im vorliegenden Fall nach der fiktionalen Fixierung vermeintlich autochthoner Stammesmerkmale.

Zur Illustration: Die Semantik der Signifikanten „arisch“ bzw. „germanisch“ wurde zwecks Erhitzung des Konfliktherds vom phänotypisch slawischen, migrantischen Stammesführer mit „blond“ bzw. „deutsch“ neue festgelegt. Eine Falsifikation per Evidenz, d.h. der reality clash zwischen „Herrenmensch“ und der führenden Definitionsinstanz, blieb aus, da eine solche an sich wenig komplexe empirische Kulturleistung ein Kennzeichen höher entwickelter Lebensformen darstellt. Insofern sind auch jüngere simplistische ethnologische Ansätze widerlegt, die den Stamm der Germanen als „Volk der Dichter und Denker“ bezeichnet.

Der blutrünstige Furor der Germanen wurde schließlich duch ein Bündnis anderer Stämme terminiert. Diese für die ursprünglichen Aggressionen traumatisierenden und ängstigenden Niederlagen führten im Übrigen zur Verhärtung pseudoethnologische Halluzinationen, die heute neropsychologisch als „Strachismen“ (vergl. strach für Angst) bezeichnet werden.“

Anmerkung Elke: das Fremdwort „strach“ hab ich den AutorInnen nicht abgekauft und recherchiert. Seltsam… welch ein Zufall …

Ich brauchte fast mehrere Wörterbücher gleichzeitig, um die in abwechselnder Reihenfolge der Kapitel – Tagebucheintrag und anschließende psychologisch-philosophische  Analyse – lesen zu können :o)

Der extreme Kontrast von derbem Dialekt, Soziologenjargon sowie den psychologischen und philosophischen Erklärungen, ist das Abgehobenste was ich jemals gelesen habe. Ich musste wirklich mehrmals laut lachen.


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