Buchbesprechung/Rezension:

Jack London: Ruf der Wildnis


verfasst am 01.11.2021 von | 1 Kommentar
Rubriken: Erzählung, London, Jack
LiteraturBlog Bewertung:

Wer selbst Hunde hat und sie als Familienmitglieder betrachtet, wer sich mit Hunden beschäftigt und versucht sie zu verstehen, soll vor der Lektüre dieser Erzählung gewarnt sein: Jack London erzählt darin (auch) von Menschen, für die Hunde reines Werkzeug sind, keine Lebewesen.

Buck wird aus seiner Idylle, aus seinem gewohnten Leben gerissen. Er wird entführt, verkauft, quer durch das Land transportiert, verkauft, geschlagen und landet schließlich irgendwo im Norden in der Einöde des Winters. Buck ist ein großer Hund, Vater Bernhardiner, Mutter Schäferhund und hatte in den ersten vier Jahren seines Lebens niemals etwas Schlechtes erfahren.

Endstation seiner Odyssee ist der Kurier Perrault, der im Auftrag der Regierung die Post zu den Camps der Goldgräber in der Klondike-Region transportiert, Buck wird Schlittenhund. Erstmals erfährt Buck, wie unterschiedlich Hunde sein können. Es gibt die dominierenden, die ruhigen, die ängstlichen, die ausdauernden, die verletzlichen: jeder Hund ein eigener Charakter. Die Besitzer wechseln, die Hunde werden immer schlechter behandelt, immer weniger verstehen die Menschen von Buck und seinen Leidensgenossen. Je weniger die Menschen von den Hunden verstehen, je weniger sie sich darum kümmern, was Hunde benötigen, desto mehr reagieren sie mit Gewalt.

In all dieser Zeit wandelt sich Buck von einem ausgeglichenen Familienhund zum bestimmenden Anführer seines Rudels.

Als Buck eines Tages alle seine Energie verbraucht hat und von seinem Besitzer beinahe totgeschlagen wird, tritt der Trapper John Thornton seinem Peiniger entgegen und rettet Buck das Leben. Es dauert Wochen, bis Buck wieder zu Kräften kommt, doch Thornton ist geduldig und voller Zuwendung zu seinen Hunden. Es entsteht ein Band zwischen Mensch und Hund, das der Hund niemals zerreißen würde. Doch in dieser Zeit der Freude zieht es Buck auch immer wieder in die Wildnis, er lernt das Land, die Tiere kennen, er lernt, sich ganz alleine zu behaupten.

Als Buck von einem dieser Streifzüge wieder in das Lager Thorntons zurückkehrt, findet er dort alle tot und alles zerstört vor. Es ist der Moment von dem an Buck dorthin zurückkehrt, von wo vor vielen Generationen seine Vorfahren kamen – in die Wildnis, deren Ruf er nun nicht mehr widerstehen kann.

Jack London verfasste eine Erzählung, die eine überragende Beobachtungsgabe verrät. Da sind zum einen die Menschen, die ihre Hunde als Gefährten, als Freunde betrachten und zum anderen die Menschen, für die es egal ist, ob da ein Lebewesen oder irgendein unbelebtes Ding vor ihnen steht, es hat zu funktionieren; funktioniert es nicht, wird zuerst Gewalt eingesetzt und wenn das nicht zum Ziel führt wird das Lebewesen – der Hund – entsorgt.

Es gibt sie auch heute noch, die Menschen, die ihre Hunde als Werkzeug betrachten und sie wegwerfen, wenn sie nicht mehr funktionieren. Doch es gibt, ich bin sehr froh darüber, weitaus mehr, die sich um ihre Vierbeiner liebevoll kümmern.

Wie die Hunde die Art, wie mit ihnen umgegangen wird aufnehmen, wie sie auf Gewalt mit zunehmender Aggression reagieren, wie sie auf Zuneigung mit bedingungsloser Treue reagieren, wie sie zwischen guten und bösen Menschen unterscheiden, das alles beschreibt Jack London ganz wunderbar. So kann man Hunde nur beschreiben, wenn man sich ausgiebig mit ihnen beschäftigt hat und versucht, sie zu verstehen.

Neben Menschen und Hunden spielen auch der Winter und die raue Landschaft im Norden Amerikas eine Hauptrolle; und auch darüber liest man eindrucksvolle Schilderungen, merkt, wie sich der Jack London mit Land und Leuten beschäftigt hat.

Aus allen diesen detailreichen Beschreibungen ist eine Erzählung entstanden, die seine Leserinnen und Leser schier unwiderstehlich mitzieht; man wird mitleiden und sich mitfreuen, man wird verstehen, wie Buck und die anderen Hunde seines Rudels ihr Schicksal ertragen, man wird erschrecken über die Schilderung der kompromisslosen Kämpfe um die Rangordnung, man wird erschüttert sein, wenn wieder einer aus dem Rudel stirbt, weil die Menschen völlig gedankenlos mit ihren Hunden umgehen.

Keine Wohlfühlgeschichte über das Verhältnis Mensch-Hund, aber eine Geschichte, die unglaublich viel Wahres enthält.

PS: Während ich das schmale Buch in einen Schwung durchlese, liegen neben mir meine beiden Hunde und dösen in den Nachmittag, hin und wieder blinzelt einer zu mir, um sich zu versichern, dass als alles in Ordnung ist, um sich dann mit einem beruhigten Brummen wieder dem Nichtstun zu widmen …




RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag 1 Kommentar


  • Kommentar von  Karin Kaufmann am 07.11.2021 um 10:05 Uhr

    Als Hunde-Mama von derzeit drei wunderbaren Geschöpfen und als im Tierschutz engagierte kenne ich das Buch seit langem. Das Lesen Ihrer Rezension hat Lust gemacht, es jetzt wieder einmal hervorzuholen.
    Dafür besten Dank!


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