Hannes Leidinger: Der Untergang der Habsburgermonarchie

verfasst am 14.12.2017 von | 1 Kommentar
Rubriken: Geschichte, Leidinger, Hannes

Abseits der Sissi-Foklore und der Nostalgie vom “Guten Alten Kaiser”: Hannes Leidinger taucht tief ein in die Anatomie eines sterbenden Staates und den Niedergang einer Dynastie. Seine Geschichte beginnt nicht mit dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajewo im Sommer 1914 sondern schon mehr als 100 Jahre zuvor; als das Habsburgerreich schon an dem krankte, was ihm im Jahr 1918 die Existenz kosten sollte.

Es ist ein Blick aus der Position der Herrscherhäuser Europas, der Generäle, der Diplomaten und Politiker,  genauso wie ein Blick aus der Position der einfachen Menschen, die in diesem Österreich lebten und für die es ganz und gar nicht die “Gute alte Zeit” war. Eine Analyse über Fehler und Chancen, über das Unvermögen, die Zeichen der Zeit richtig zu deuten und die Verbohrtheit, an alten und überkommenen Traditionen und Handlungsweisen festzuhalten, anstatt die Zukunft als Chance für positive Veränderung zu sehen.

Zwischendurch, nur zur Klarstellung: Ja, es geht hier um das untergegangene Habsburgerreich und nicht um das, was in unserer Gegenwart in einer immer größeren Anzahl von Staaten passiert. Trotz so vieler Ähnlichkeiten.

Hannes Leidinger beschreibt einen Weg, der die Monarchie beinahe geradewegs in den Untergang führte. Die Kräfte und Ideen, die immer auftauchten und die es in sich gehabt hätten, sich diesem unausweichlichen Ende entgegen zu stellen wurden immer und immer wieder von den konservativen, reaktionären und nationalistischen Strömungen unterdrückt.

Aus den unterschiedlichsten Blickpunkten schildert Leidinger, wie die Nationen, die in der Monarchie unter einem Staatsdach versammelt waren, auseinander drifteten, zugleich es dazwischen aber auch durchaus richtungsweisende Ansätze für eine gemeinsame Zukunft gab.

Während in der Zeit vom Wiener Kongress bis zu den Wochen vor dem Ausbruch des 1. Weltkrieges der Zerfall nur langsam vor sich ging und sich oftmals und immer wieder die Chance auf eine Umkehr eröffnete, markierte der Beginn des Krieges dann den zu dessen Ende hin unausweichlichen Weg in den Untergang.

Die Jahre 1914 bis 1918 nehmen dann auch den größten Teil dieses Buches ein. Es ist zu lesen, wie die als kriegswichtige Maßnahmen bezeichneten Repressionen gegen ganze Gruppen der eigenen Bevölkerung, die zerstörerische Teilung in die zwei Reichhälften, die immer größer werdende Not der Menschen, das Auseinanderdriften der Nationalitäten, die verhängnisvolle Anlehnung an das Deutsche Reich, der Tod des alten Kaisers und das bemühte aber vollends erfolglose Handeln des letzten Kaisers und natürlich auch die Unterstützung der Entente-Staaten für die Zentrifugalkräfte innerhalb der Donaumonarchie einen sich immer schneller drehenden Strudel erschufen. Doch auch in dieser Zeit war der Zusammenbruch keine unumstößliche Konsequenz, Auswege und Fortführung erschienen möglich.

Doch es war letztendlich ein Strudel, der zum völligen Zerbrechen einer jahrhundertealten Großmacht im Herzen Europas führte.

Das Buch endet aber nicht mit dem November 1918.

Es beleuchtet die Entwicklung der Staaten, die aus der Monarchie hervor gingen. Für das Österreich in seinen heutigen Grenzen bedeutete die enorme Reduktion der wirtschaftlichen und politischen Einflusssphäre zuerste einmal eine erzwungene Redimensionierung in beinahe allen Bereichen. Gleichzeitig jedoch bestanden weiterhin wirtschaftliche Verbindungen in die ehemaligen Kronländer und die Infrastruktur der Monarchie war auf das Zentrum Wien ausgerichtet; beides wusste man in der Nachkriegszeit noch zu nutzen.

Am Anfang aber stand die Furcht Österreichs und der ÖsterreicherInnen, als nunmehriger Kleinstaat nicht überleben zu können. Leidinger beschreibt und analysiert die Entwicklungen, die Österreich nach Kriegsende durchmachen und wie der Staat seinen Platz im gerade neu entstehenden Europa suchen musste. Es war dies auch die Zeit, in der Kaiser Karl wiederholt versuchte, die ungarische Königskrone für die Habsburger wieder zu erlangen.

Zum Ende der Habsburgermonarchie gibt es immer wieder “Was-wäre-wenn” Überlegungen. Hätte eine Umwandlung in einen föderalistischen Staatenbund die heute EU schon vorwegnehmen können? Das ist dabei eine oft gestellte Frage. Die beinahe 100 Jahre, die seit dem Ende Österreich-Ungarns vergangen sind, schufen jedenfalls ein verklärtes Bild über den Kaiser, die Walzerromantik, das sich mit der Wirklichkeit kaum in Einklang bringen lässt. 

“Der Untergang der Habsburgermonarchie” erklärt anhand enorm vieler Detailansichten das Wesen der Donaumonarchie, das Weltbild der Menschen und das Selbstverständnis der Habsburger. Am Ende liefert Leidinger eine sehr kompakte und treffende Zusammmenfassung der Ergebnisse seine wissenschaftlichen Arbeit: die Hauptgründe für Habsburgs Ende. 

Für mich liefert dieses Buch eines der überzeugendsten Bilder der Zeit und mit seinen Erkenntnissen eine lehrreiche Perspektive für Heute. Und es lieferte mir, obwohl ich recht viele Bücher über diese Zeit gelesen habe, eine große Menge an neuem Wissen.


RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag 1 Kommentar


  • Kommentar von  Liselotte Wunderlich am 26.12.2017 um 18:23 Uhr Uhr

    Danke für die Rezension! Scheint ein Buch für mich zu sein. Ich beschäftige mich schon seit meiner Jugend mit der Habsburger Monarchie und stolperte oft über verklärte Darstellungen.
    Schön, ein Buch zu haben das über einzelne Charaktere hinausgeht!

    Liebe Grüße
    Liselotte

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