Glavinic, Thomas: Wie man leben soll

verfasst am 29.03.2009 von | 1 Kommentar
Rubriken: Glavinic, Thomas, Romane

Was hat man vom Leben zu erwarten, wenn man Karl „Charlie” Kolostrum heißt?
Nun man wird sagen, ein Name hat nichts zu bedeuten, aber wenn doch nomen est omen, der Name quasi die Körperfülle ausdrückt, ja dann wahrscheinlich nicht allzu viel. Man sollte sich überraschen lassen, wie Charlie durch seine Jugendjahre ins Erwachsenenleben stolpert, wo er eigentlich nie ankommt.

Merke: Wenn du pubertierst, ein pickelübersätes, teigiges Gesicht hast und sich Speckwülste um deine Hüften ranken, dann senkt das die Wahrscheinlichkeit endlich mit einem Mädchen zu schlafen schon beträchtlich.
Und das ist doch ein zentrales Thema eines bestimmten Lebensabschnittes bei jedem Jugendlichen, nicht wahr? Und wenn man dann auch noch von einer alkohol- und tablettenabhängigen, herrschsüchtigen alleinerziehenden Mutter tyrannisiert wird, bleibt nur mehr die Flucht in Psycho- und andere zweifelhafte „Lebens-Ratgeber”.

Es ist schon eine ganze Menge, was Thomas Glavinic seinem „Helden” Charlie Kolostrum zumutet. Man erkennt aber natürlich gewisse Facetten der eigenen Jugendjahre, nur halt mit etwas weniger Fleisch an den Rippen und ein bisschen weniger turbulent. Hoffe ich zumindest für sie! Gut, nach der Lektüre wird man sagen, drei Menschen habe man nicht, auch wenn man nur helfen wollten, vom Leben zum Tod befördert. Aber das „Bravo” werde man ja hoffentlich aufmerksam studiert haben!

Glavinic erzählt uns die Jugendjahres seines Protagonisten zwischen dem Absturz der „Challenger” 1986 und dem der „Columbia” 2003 und nimmt dabei mit tiefschwarzem Humor die populäre Ratgeber-Literatur aufs Korn.

Manchmal driftet der Humor an die Grenze zum Schmerzhaften, aber nicht nur körperlich, sondern auch buchstäblich. Etwa dann, wenn Charlie versucht mit einem Fisch- und dann mit einem Teppichmesser seine an einer Karpfengräte erstickende Freundin mit einem Luftröhrenschnitt zu retten – vergeblich.

Eigenwillig und originell ist auch die Erzählhaltung – der komplette Roman ist in der Man-Form geschrieben, dem Singular der dritten Person, der sonst den Kochbüchern und Lebensratgebern vorbehalten ist. Zusammenfassungen bekommt man natürlich in Merke-Sätzen präsentiert.

Thomas Glavinic, ursprünglich Taxifahrer und Werbetexter, (vgl. Wolf Haas) zählt für mich zu den talentiertesten jungen österreichischen Autoren. Seine Bücher handeln von gänzlich unterschiedlichen Themen und auch das Genre wechselt er permanent und füllt es gekonnt aus.

Merke: Wenn man sie sich beim Lesen dieses Buches nicht vor Lachen schüttelt, dann ist mit ihrem Humor etwas nicht in Ordnung. Oder mit meinem!


RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag 1 Kommentar


  • Kommentar von  Deutsch-WPF am 18.04.2018 um 15:11 Uhr Uhr

    Merke: Wenn man dieses Buch im Unterricht gelesen hat, hat man die Aufgabe, sich damit zu beschäftigen. Außerdem weiß man nach der Lektüre um die Wichtigkeit von Ratgebern für das eigene Leben und macht sich keine Sorgen mehr um die Zukunft. Lästige Familienmitglieder oder FreundInnen aus dem Weg zu schaffen ist auch kein Problem mehr. (Merke: 2018 – gendern ist unabdinglich!)

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