Ivan Krastev: Europadämmerung
Ein Essay

verfasst am 12.09.2017 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Krastev, Ivan, Zeitgeschichte

Woran es gegenwärtig krankt: der eigene Blick ist eingeengt, oftmals will man nur das lesen/hören/sehen, was ins eigene vorgefasste Bild passt, blendet man alles andere als unwesentlich oder unwahr aus. Doch die Warnungen über ein Zerbrechen des so mühsam Erreichten in Europa verschwinden nicht durch Verschließen von Augen und Ohren; sie werden lauter und in ihrem Schlepptau folgen auch schon die Bedrohungen.

Ivan Krastev verfasste ein ebenso brilliante wie entlarvende Analyse des Europa von heute. Darüber, wie und warum die euphorischen Prognosen des Wendejahres 1989 sich in unserer Gegenwart oft ins Gegenteil verkehrt haben. Wie der Liberalismus, das was unsere Demokratie ausmachte(e), zum Feindbild so vieler wurde. Und wie die Populisten, die Gegenspieler des Liberalismus, dieses Feindbild so spielend leicht zum Instrument des eigenen Machtstrebens machen können.

Für mich persönlich ist es schwer nachvollziehbar, wie Menschen, die im selbem Gebilde (Dorf, Stadt, Region, Staat) leben ein solch unterschiedliches Bild davon haben können. Wie die einen von Untergang, Bedrohung reden können, während andere die Errungenschaften und die positiven Perspektiven vor Augen haben.

Weil ich selbst stets das früher und das jetzt gegenüber stelle, muss ich zwangsläufig an eine positive Entwicklung glauben. Und tatsächlich sehe ich sie auch. Ich sehe Probleme, die noch ungelöst sind und die gelöst werden müssen – und gelöst werden können. Das einzige, was dabei meinen Optimusmus dämpft ist das augenscheinliche Unvermögen derer, die wir gewählt haben um unseren Weg in die Zukunft zu ebnen, um diese Aufgabe zu bewältigen.

“Europadämmerung” ist eine unglaublich gescheite und tief gehende Aufarbeitung der Entwicklung Europas, die einen weiten Bogen von der Habsburgermonarchie über die Kalten Krieg bis in das oft von Ängsten geprägte Heute spannt. Die Krisen aus den letzten Jahren – Griechenland, Brexit, Flüchtlinge, etc. – werden als Beispiele und Symptome für die Probleme der und mit der EU analysiert.

Ivan Krastevs Ausführungen brachten mich zum Nachdenken und offenbarten mir einige neue Blickwinkel, die ich bis jetzt noch nicht gesehen hatte bzw zwar gesehen aber als für nicht so bedeutend erachtet hatte.


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