Francis Spufford: Neu-York

verfasst am 11.09.2017 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Spufford, Francis

Als New York noch das kleine Dorf am Ende der Halbinsel Mannahatta war; als die Zeit der holländischen Siedler, die einst Neu Amsterdam gründeten, noch allgegenwärtig war; als der englische König noch der Herr über die Kolonien war: zu dieser Zeit, man schrieb das Jahr 1746, betrat ein gewisser Mister Smith den amerikanischen Kontinent im Hafen von New York.

Er platzt hinein in eine Welt, die sich schon ein Stück weit von den englischen Lebensformen entfernt hat, in der aber deren Konventionen und gesellschaftlichen Regeln noch Gültigkeit haben; jedenfalls bei vielen.

William Smith platzt also hinein in diese Welt und präsentiert einen Wechsel über eine derart ungeheure Höhe (1.000 Pfund), dass er, seine Anwesenheit und alle möglichen Theorien über den Grund seiner Anwesenheit die ganze Stadt in Aufregung versetzen. Eine Stadt, die sich im Wandel zwischen holländischer Dominanz und englischer Lebensweise findet, charakterisiert durch die Sprache beider Kulturen, die sich nebeneinander behaupten.

Smith wird schon wenige Stunden nach seiner Ankunft das Opfer eines dreisten Überfalles, sodass ihm nur ein paar obskure Münzen und Scheine als Zahlungsmitteln verbleiben, bis er seinen  Wechsel zu Geld machen kann. Doch mit seiner gleichsam geheimnisvollen wie vorwitzigen Art gelingt es ihm für eine Zeit, seinen Geldmangel zu verschleiern. Doch dann wendet sich sein Schicksal, unerwartet, und er landet im Schuldturm.

Wendungen folgen noch einige. Bei alledem breitet sich die Art des Lebens in jener Zeit an jenem Ort wie selbst erlebt aus. Witzig und ernst mit so nebenbei mitgelieferten Fakten – wer wollte beispielsweise nicht immer schon erfahren, wie denn das damals mit Wechseln und Bargeld funktionierte – lebt das New York am Ende des Jahres 1746 wirklich wieder auf. Sehr oft mit einem Augenzwinkern versehen, was aus unserer heutigen Sicht tatsächlich angebracht ist – aber die Menschen damals nahmen ihre Lebenart sicher genauso ernst wie wir die unsere.

So wogt die Geschichte hin und her, mischt Liebe und Betrug, Gerüchte und Wahrheit zu einem ungemein lesenswerten Bild der Vergangenheit. Nur um dann in einem – jedenfalls für die damalige Zeit – wohl unerhörten Finale furios zu enden. Man mag sich also beim Lesen auf Wendungen bis zur letzten Seite einstellen.


Einen Kommentar hinterlassen

* erforderlich. Beachten Sie bitte die Datenschutzerklärung


Top