Jean Echenoz: Unsere Frau in Pjöngjang

verfasst am 26.08.2017 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Echenoz, Jean, Romane

Ein Buch zum Hören (nein kein Hörbuch, ich halte da schon ein gedrucktes in Händen). Es liest sich von Beginn an so, als ob dort der Autor oder ein Schauspieler säße und beschwingt, immer wieder den Kopf für ein kleines amüsiertes Blinzeln hebend, immer mit einem verschmitzten Lächeln um die Lippen, diese Geschichte vorliest. Und sichtlich Spaß dabei hat.

Solcherart, also mit dem Gefühl eine vorlesende Stimme im Ohr zu haben, fliegen die Seiten nur so vorüber und mit jeder einzelnen davon steigt das Vergnügen ungemein.

Wovon hören wir denn nun?

Von Constance, der eine schon wieder beneidenswerte Gutgläubigkeit und ein schier unendliches Grundvertrauen an das Gute zu eigen ist. Wie sonst würde sie einfach so einem wildfremden Mann folgen, einfach so alles hinnehmen, was er und seine Freunde ihr anweisen zu tun oder zu unterlassen. So wie ein Kind, das dem guten Onkel vertrauensselig zur Schokolade folgt.

Von Lou Tausk, der wohl sein ganzes Leben lang von den Tantiemen seines One-Hit-Wonders wird leben können. Und der die Nachricht von der Entführung seiner Ehefrau ein wenig befremdlich aufnimmt – auch wenn die Scheidung kurz bevorsteht, so würden wohl die meisten Menschen ganz anders reagieren.

Und der alte General, dem man aus Gründen der Nostalgie und weil es wohl niemand schaffte, ihn aus seinem Büro zu entfernen, noch einige diffuse Kompetenzen zugesteht, die er sehr gerne – seine eigene Wichtigkeit und sein eigenes Geschick tunlichst überschätzend – ausnützt.

Und Pjöngjang – 평양 [pʰjʌ̹ŋja̠ŋ]?

Ja, dorthin gelangt man in der Tat. Dass der Plan des Generals zur Destabilisierung des Landes nicht funktionierte, bekommt man ja tagtäglich in den Nachrichten berichtet, so viel kann ich also verraten. Der dicke Kim ist noch immer da (aber wenigstens hat er jetzt mit dem Zwitscher-Donald einen passenden Spielgefährten gefunden), andere aber nicht.

Echenoz beschreibt die Dinge und Gesten mit dem Minimum an Worten und erreicht damit ein Maximum an Bildhaftigkeit. Einen wesentlichen Teil zu dieser beeindruckenden Sprache trägt aber sicher die Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel bei, denn solches in im Deutschen geläufige Worte zu fassen ist eine Meisterleistung.

Zwar versiegt der anfängliche Elan der Geschichte gegen Ende zu ein wenig, es bleibt aber unzweifelhaft ein sehr gelungener Roman, in dem sich der Autor mit spitzer Feder über diese und jene Angewohnheit unserer Zeit her macht. Und das in bemerkswert inspirierter Art und Weise, die die Freude erkennen lässt, mit der Echenoz schrieb; und die sich tatsächlich 1:1 bei Lesen – Pardon: beim Zuhören – überträgt.


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