Franz Werfel: Eine blaßblaue Frauenschrift

verfasst am 08.12.2012 von | noch keine Kommentare
Rubriken: Erzählung, Werfel, Franz

Wer könnte es Leonidas verdenken, wenn er sich für einen Liebling der Götter hält, Wer wie er schon früh auf einer Welle der glücklichen Fügungen in ein wohl geordnetes Leben gleiten konnte, der kann wohl gar nicht anders denken. Der muss fast, in all seinem Glück und Wohlbefinden, vergessen , dass es andere gibt, denen das Glück nicht so hold war.

Leonidas’ Glück begann einst mit dem Unglück eines anderen. Der, ein Kommilitone, beendete sein eigenes Leben und vererbte Leonidas seinen wertvollsten Besitz: einen Frack, der noch dazu dem jungen Leonidas fast perfekt passte. Mit dieser Uniform der besseren Leute schaffte Leonidas, aus einfachen Verhältnissen stammend, gut aussehen, gewandt auf dem Parkett, wie spielend den Eintritt in die bessere Gesellschaft.

Er gewann die Liebe von Amélie Paradini, der schönsten Frau, die überdies noch das größte Erbe mit in die Ehe brachte. Fand, kaum in den Staatsdienst eingetreten, wohlwollende Vorgesetzte. Machte seinen Weg um nun, gerade feiert er seinen 50. Geburtstag, in der Spitze des Staates angekommen zu sein. Er, der Sektionschef, war Mitglied eines ausgewählten Zirkels von wenigen Männern, die die Geschicke des Staates lenkten.

Alle Welt schickte Glückwünsche, alle wollten Leonidas gratulieren oder sahen es zumindest als ihre Pflicht an. Jeden Tag brachte der Postbote neue Briefe. So auch an diesem Tag, 11 waren es ganz genau. 10 davon waren weitere Glückwünsche, einer aber kam von einer Frau und er erkannte sofort die Schrift, erkannte die Aufmachung des Briefes. Das mit blaßblauer Tinte beschriebene Kuvert stammte von Vera, die er 18 Jahre zuvor letztmals gesehen hatte.

Vor 18 Jahren war er in einen Zug gestiegen, hatte aus dem Fenster gewinkt und hatte Vera gegenüber ihre gemeinsame Zukunft beteuert. Obgleich er zum selben Zeitpunkt schon gewusst hatte, dass dies eine Lüge war, denn zu jener Zeit waren er und Amelie bereits ein Ehepaar. Er fuhr davon und verschwendete keinen Gedanken mehr an die Frau, die er dort auf dem Bahnsteig mit falschen Versprechungen zurückgelassen hatte. Vera, die ihm drei Jahre später schon einen ersten Brief geschickt hatte. Er erinnerte sich genau daran, genau wie dieser neue, zweite Brief war er mit blaßblauer Tinte beschriftet gewesen.

Den ersten Brief hatte er zerrissen, den zweiten öffnete Leonidas.

All dies geschieht im Jahr 1936. Wir sind in Österreich, noch haben die Nazis das Land nicht endgültig übernommen, doch der Antisemtitismus ist hier schon seit Jahrzehnten zutiefst in den Gehirnen verwurzelt; es hätte der Nazis nicht mehr bedurft.

Dass Leonidas mit der Jüdin Vera Wormser (in seinen Hang, schwierigen Situationen möglichst auszuweichen, bezeichnet er sie für sich lieber als Israelitin) damals vor 18 Jahren ein Kind gezeugt hatte, das ahnte er nicht. Bis zu diesem Tag, als er Veras 2. Brief öffnete. Sie teilte es ihm nicht direkt, nicht mit eindeutigen Worten mit, aber für Leonidas erschien es doch ganz klar und eindeutig, dass er der Vater eines Sohnes sei, dem er nun, kraft seiner Position als Sektionschef im Kultus- und Unterrichtsministerium, bei seiner Ausbildung helfen sollte. Leonidas, der Vater eines unehelichen, halbjüdischen Kindes.

Nur knapp 150 Seiten umfasst diese Novelle aus dem Jahr 1941. Sie ist also ein Blick zurück in eine damals nur wenige Jahre zurückliegende aber unendlich weit entfernte Welt. Franz Werfel zeichnet mit wenigen Worten gleich mehrere Bilder von dieser Welt:

Das Bild des Mannes, Leonidas, der auf eine erfolreiches, glückvolles Leben blickt und mit einem Mal sich selbst in Frage stellt. Die jähe Erkenntnis, einen Sohn zu haben, der zu einer Gruppe verachteter, ausgestossener, verfolgter Menschen gehört, bewegte in diesem Moment etwas in ihm. Der Brief von Vera, seine Schlüsse, die er daraus zieht, das drohende Ende seines Lebensgebildes: das erweckt in ihm eine Art von Fatalismus, der ihn zu Widerspruch anregt und ihn an Ehrlichkeit denken lässt.

Das Bild der Amelie, seiner Frau, die ihre Ehemann aus tiefstem Herzen liebt und ihr ganzes Leben an ihm ausgerichtet hat. Amelie, die ihrem Ehemann zu jeder Zeit treu und in Liebe verbunden war. Die immer schon im Zweifel lebte, genug für ihre Liebe und ihre Ehe getan zu haben (womit sie sich ganz grundlegend von ihrem narzistisch geneigten Ehemann unterscheidet). Amelie, die mit dem Einlangen des Briefes einer ihr unbekannten Frau schon das Ende ihres Leben und das Ende ihre Liebe kommen sieht.  

Das Bild der letzten Jahre des Ständestaaates in Österreich, der sich wie die Maus vor der Schlange names Deutsches Reich in eine Ecke kauerte und alles unternahm, die Schlange nicht aufzuschrecken. Und doch haben Schlange und Maus mehr an Gemeinsamkeiten, als es – und das ist jetzt ein Blick aus der Sicht des Jahre 2012 –  die Maus die Welt später glauben machen wollte. In Wahrheit lang da doch nur eine kleiner neben einer etwas größeren Schlange.

Es ist unmöglich, sich den Charakteren, ihren Gedanken und ihren Handlungen entziehen. So präsent wird jede Regung, jede Überlegung. jede Bewegung wie man es nicht oft in der Literatur findet. Die Bilder, die erscheinen sind scharf, konturiert gezeichnet, jedes Detail ist zu erkennen.

Ein Roman, der auf allen Ebenen ein selten zu findender Diamant ist. Die Sprache, deren Schönheit und Virtuosität man sich nicht entziehen kann und die Handlung, die den Blick auf dunkle Zeiten lenkt, um diese niemals zu vergessen.

Dass man am Ende noch mit einer doppelten Wendung des Geschehens mehrfach in die Irre geführt wird, ist so etwas wie eine literarische Zugabe. Welche die interessante Möglichkeit eröffnet unter dem Aspekt des neu erlangten Wissens um den Schluss der Geschichte noch einmal von vorne mit dem Lesen zu beginnen.

Es könnte dabei noch eine andere Novelle zum Vorschein kommen. Ganz so wie bei einem großartigen Gemälde, bei dessen wiederholter Betrachtung man immer wieder neue Details, neue Perspektiven erkennt.


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