Joseph Roth: Die Kapuzinergruft

verfasst am 13.10.2012 von | 1 Kommentar
Rubriken: Romane, Roth, Joseph

Die Geschichte „der anderen“ Trottas. Die Linie des Helden von Solferino erlosch mit dem Tod Carl Joseph, dem Enkel des Helden, im Jahr 1914 auf den Schlachtfeldern des 1. Weltkriges. Diese andere Linie, deren letzter Vertreter Franz Ferdinand Trotta ist, muss das Ende der Monarchie, das Ende von Adel und Gesellschaft und schlussendlich den Niedergang und das Verschwinden des übrig gebliebenen Staates Österreich im Jahr 1938 erleben.

Alles, was ihm bis zum Jahr 1914 an Werten wichtig erschien, wird am Ende in der Kapuzinergruft auch symbolhaft zu Grabe getragen: Der Kaiser, die Habsburger, der Adel, die ganze k.u.k. Gesellschaft. Und damit auch das Geschlecht der Trottas.

Franz Ferdinand, benannt nach dem Thronfolger, verkehrt in den adeligen Kreisen der Hauptstadt Wien. Das reale Leben der Millionen Untertanen seiner Majestät ist ihm gänzlich unbekannt, ja man möchte sagen, dieses könnte ihm, fände es auf einem anderen Planeten statt, auch nicht fremder sein.

Es ist das Jahr 1913, das Jahr, in dem der Krieg noch ferne war, der Thronfolger noch am Leben und die Monarchie in ihrer eigenen Realität verhängnisvoll verfangen. In dieser Zeit beginnt Trotta seine Erzählung. Er lebt das dekadente, ziellose Leben eines Jus-Studenten zwischen Kaffeehaus und Vergnügungsetablissements, jedoch ohne dabei jemals die Universität zu besuchen. Einzig ernst zu nehmende Leidenschaft ist seine Liebe zu Elisabeth Kovacs, der Schwester des ungarischen Barons Kovacs, der Rest seines Lebens ist reiner Zeitvertreib.

Der Besuch seines Cousins Joseph Branco aus dem fernen slowenischen Ort Sipolje, der Heimat seiner Familie, ist dann so etwas wie der Beginn einer Wieder-Entdeckung einer neuen, alten, jedenfalls aber unbekannten Welt.

Wenige Monate später, noch immer schreibt man das Jahr 1913, trifft der Kutscher Manes Reisiger in Wien ein. Eine Empfehlung von Joseph Branco führt ihn zu Trotta, der dann auch wirklich in der Lage ist, dem Mann aus Galizien zu helfen. Aus Dankbarkeit lädt Reisiger den jungen Trotta in seine Heimatstadt Zlotogrod ein.

Trotta nimmt an und reist im Sommer 1914 nach Galizien. Fern der Hauptstadt trifft dort die Nachricht vom Beginn des Krieges ein. Der Anfang vom Ende hat begonnen und viele Millionen junge Männer rennen mit Hurra! in den Tod. Trotta stellt sich als Fähnrich der Reserve bereitwillig seiner Pflicht zum Dienst in der Armee, die überschäumende Begeisterung der meisten Soldaten kann er aber nicht teilen.

Vor seinem Aufbruch an die Front im Osten kehrt Trotta nach Wien zurück und heiratet Elisabeth. Erst vier Jahre später wird er sie wieder sehen. Er und seine beiden Kameraden überleben zwar den Krieg, Franz Ferdinand aber muss bis zum Jahr 1918 in russischer Gefangenschaft ausharren.

Das Wien, in das er zurückkehrt, die Elisabeth, die er wieder trifft, die Welt, die er vorfindet: alles ist völlig anders, fremd, zur Unkenntlichkeit verändert. Alles was die alte Monarchie ausmachte, ist nur mehr in der Kapuzinergruft gewissermaßen konzentriert, dort liegen die Symbole der alten Ordnung und mit ihnen die alte Lebensweise für immer begraben.

Trotta und die übrig gebliebenen Kumpanen aus der Zeit vor dem Krieg finden sich in dieser neue Welt nicht mehr zurecht. Für sie ist das Vergangene unsterblich in ihrer Vorstellung eingebrannt, anderes lassen sie nicht an sich heran kommen und verstehen es auch nicht.  Alleine schon die Notwendigkeit, mit eigener Arbeit den Lebensunterhalt zu bestreiten, ist für Trotta und seine ehemals adeligen Freunde eine kaum zu bewältigende Hürde. Und langsam stirbt, mit jedem einzelnen von ihnen, nach und nach auch ein unwiederbringlicher Teil des Alten – bis alles nur mehr Vergangenheit ist.

Wehmut über die vergebene Chance, aus der alten Monarchie ein zukunftsfähiges Staatsgebilde zu machen. Unverständnis gegenüber den radikalen Veränderungen der Welt. Verlorener Glaube an die Lebensfähigkeit der Heimat. Ein Abgesang auf die alte Ordnung bis zum bitteren Ende im Jahr 1938, als die Deutsche Wehrmacht die Grenze nach Österreich überschritt. Jenes Jahr, in dem Joseph Roth diesen Roman veröffentlichte. Und ein Jahr bevor er selbst, verarmt und krank, starb.

Dies hat nichts mit einer Kaiser-Nostalgie oder einer Trauer über den Untergang der Donaumonarchie zu tun: aber „Die Kapuzinergruft“ ist ein überwältigend trauriges Buch. Alles entschwindet leise, hinterlässt nichts.


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  • Kommentar von  Eva Galai am 13.08.2017 um 23:24 Uhr Uhr

    Das Buch ist bittersüss. Manchmal sehr witzig und manchmal so traurig. Ich lerne die deutsche Sprache und habe das Buch deswegen angefangen. Sehr schöne Geschichte

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