Georges Simenon: Tropenkoller

verfasst am 22.10.2012 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Simenon, Georges

Mit nur wenigen Absätzen schafft Simenon eine ein wenig an „Casablanca“ erinnernde Atmosphäre. Da ist die Stadt in Afrika, Libreville in Gabun, da sind die wenigen Europäer, die ganz im Stile der Kolonialzeit hier ihren Geschäften nachgehen. Die schwüle Hitze vor der man sich nicht verstecken kann, die allgegenwärtigen Moskitos, die Bar im Hotel Central  – man kann sich den sich langsam drehenden und dabei Schatten an die Wände werfenden Deckenventilator förmlich vorstellen („You must remember this, a kiss is just a kiss …„).

In diese Szenerie hinein gerät der Franzose Joseph Timar, 23 Jahre jung.  Ein Aufseherjob bei den Holzfällern war ihm daheim, auf Vermittlung seines Onkels zugesagt worden, doch kaum angekommen muss er schon feststellen, dass daraus nichts werden wird. In unendlich weit entfernten Europa lassen sich allzu leicht Entscheidungen treffen, doch diese dann in der Hitze Afrikas durchzusetzen, das ist ein ganz andere Sache.

Und so ist Timar gestrandet in einer Stadt, die ihm nichts geben kann und in der er nichts zu geben hat. Die Monotonie ist köperlich spürbar, bis zu jenen Tag, als ein Schwarzer, Angesteller in Hotel, das Timar bewohnt, ermordet wird. Da wird Timars Verlorenheit inmitten dieser fremden Welt mit einem Schlag zu einer Bedrohung.

Adèle, die Frau des Hotelbesitzers, ist die einzige, zu der der junge Jospeh so etwas eine Beziehung herstellen kann. Die ältere Frau aber spielt nur mit seinen Gefühlen und spannt ihn damit geschickt für ihre eigenen Zwecke ein. Hin und wieder gibt sie seinem Werben nach, meistens aber behandelt sie ihn wie einen Fremden. Diese Abfolge von Zuwendung und Abweisung in all seiner Verlorenheit macht aus Joseph Timar ein fast willenlos scheinendes Opfer ihrer Pläne.

Jospeh meint, er könnte Adèle seinen Willen aufzwingen. Ist sie denn nicht für den Tod des Jungen verantwortlich? Hat sie nicht auch ihren eigenen Mann auf dem Gewissen? Ist sie nicht in alle möglichen finsteren Machenschaften verstrickt gewesen und noch immer verstrickt? Doch ist es dann nicht gerade umgekehrt, wird nicht er selbst eine Marionette in den Händen dieser Frau?

Timar verliert in dem Wirbel aus Leidenschaft, Fieberwahn und Hilflosigkeit langsam die Gewalt über sein eigenes Leben.

Ein wenig wie ein Fremdkörper wirkt die Sprache aus dem Jahr 1933, wenn man sie im Jahr 2012 liest. Durchsetzt mit Formulierungen und Wörtern, für die man heute mit Sicherheit als Rassist gebranntmarkt würde. Doch Simenon ist diesbezüglich über jeden Verdacht erhaben, er bedient sich lediglich jener Sprache, die vor knapp 80 Jahren die „politisch korrekte“ war.

Wobei ich es als positiv empfinde, dass all diese Sprachelmente in der revidierten Übersetzung nicht ersetzt wurden, denn damit bleibt ein direktes Bild auf die Zeit erhalten, in der dieser Roman entstand.

Und das ist eine Zeit, wie man sie sich fremder wohl kaum vorstellen kann. Die Weißen, die sich auf dem afrikanischen Kontinent wie die gottgewollten Herren verhalten. Und die von der einheimischen Bevölkerung auch dann als unerwünschte Besatzer angesehen werden, wenn sie selbst glauben, sie wären modern und aufgeschlossen und mit Sicherheit keine Kolonialherren. Denn alleine durch ihren Anwesenheit sind sie Besatzer und sie teilen Land nach beliebigem eigenem Gutdünken auf und greifen willkürlich und skrupellos in das Dasein der Menschen ien.

Ein Kriminalfall, bei dem das Auffinden der wirklichen Schuldigen nur eine sehr untergeordnete Rolle spielt; ein Roman über die Kolonialzeit als ein dunkles Kapitel Europas; ein Roman darüber, wie sich ein Mensch in seinen Gedanken und Vorstellungen verlieren kann und sich dabei Schritt für Schritt den Kontakt zur Realität verliert. Drei Bücher, drei Geschichten, drei Schwerpunkte – jede/r für sich empfehlens- und lesenswert, miteinander verwoben noch umso mehr! Ein ungemein dichter, beeindruckender Roman.


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