Wells, H.G.: Der Besuch

verfasst am 12.08.2011 von | 2 Kommentare
Rubriken: Märchen, Wells, H.G.

Genau weiß man natürlich nicht wie er dahin kam, aber mit einem Mal schwebte er über den Hügeln. Ein riesiger Vogel, so glaubte Mr. Hillyer, der Vikar von Siddermorton, wäre es, der da durch den Himmel zog. Der Vikar war nicht der erste, der das Wesen sah, aber er war der erste der seine Flinte aus dem Haus holte und das Wesen mit einem Schuß vom Himmel holte.

Als er näher kam, wuchsen die Zweifel, ob es denn wirklich ein Vogel wäre und wirklich: das Wesen sprach, verspürte Schmerz, war seltsam gekleidet und strahlte ein seltsame Licht aus. Ja, es war ein Engel, den der Vikar da mit einem, mehr oder weniger gezielten, Schuss auf den Boden geholt hatte.

Einer in der Traumwelt des anderen – so ist die Lage, in der sich nun beide befinden. Der Engel meint zu träumen, den alles sieht für ihn danach aus. Dafür vermisst er aber in dieser Welt, in der er nun in der Wiese, mit einem gebrochenen Knochen im Flügel am Boden sitzt, alles, was seine eigene Welt aus macht – und für den Vikar wiederum reine Träumerei und Fabel ist.

Wells erzählt in diesem Märchen (aber vielleicht ist es ja auch eine Satire?) wie es war, damals am Ende des 19. Jahrhunderts. Wie weit sich die Menschen oft von den eigenen Idealen entfernt hatten, die sie von anderen einforderten. Nun ja, das ist damals nichts neues gewesen, und ist heutzutage Selbstverständlichkeit.

Wer weiss heute noch, dass es damals gerade die Sammler waren, die vorgaben, die Natur zu lieben, die eine Vielzahl an Tieren und Pflanzen an den Rand des Aussterbens gebracht hatten – sie wollten lieber alles Schöne hinter Glas oder in Formyldehyd eingelegt sehen, als in der natürlichen Umgebung. Da wundert es also nicht, dass der Vikar gleich einmal das Gewehr holte, als er einen unbekannten Vogel sah: abschiessen und ausstopfen als Leiderschaft.

Nun, der Engel hatte Glück, doch die Welt, in der er gelandet ist, vermag nicht mit dem Fremdartigen umzugehen. Wenn man es nicht kennt, wenn es anders ist, dann muss es in bekannte Schablonen gepresst werden, egal ob es hinein passt oder nicht.  Und wenn man es nicht hinein bekommt, dann gehört es da nicht hin, muss entfernt werden, auch, wenn es so überirdisch schön wie ein Engel ist.  Denn wer die Regeln und Konventionen – und davon gibt es in diesen Zeiten beileibe genug – nicht peinlichst befolgt, der schliesst sich selbst aus der Gesellschaft aus.

So kommt es, dass der Engel – gutgläubig wie sie einmal so sind, die Engel – von einem Fauxpas zum nächsten taumelt und bald niemand mehr das Schöne an ihm sieht sondern alle nur mehr das Andersartige, das Fremde.

Wenn ich mir die Nachrichten und Meldungen von heute ansehe, dann lässt diese Erzählung den Schriftsteller H.G.Wells fast wie einen Propheten da stehen. Denn was damals den Engel zu Fall brachte, das ist auch heute noch die Methode der blau-braunen Vereinigung der Kleingeister: So schön, so gescheit, so unvergleichlich kann es gar nicht sein –  wenn es sich nicht anpasst dann gehört es nicht hierher., dann muss man es aus der (Volks-/Dorf-) Gemeinschaft entfernen.

Da bin ich nun etwas abgekommen vom Buch, aber es musste sein. Im Märchen wird der so fremdartige Engel langsam aber zielsicher an die Welt des Vikars (also an unsere Welt) angepasst. Kleidung, Handel und Denken sollte doch bitte recht unauffällig bleiben, damit die Mitbürgerinnen sich nicht vor dem Fremdartigen zu fürchten hätten. Das phantasievolle Wesen sollte doch bitte zugunsten des ganz normalen weichen.

Und so geschieht es, der Engel wird ganz und gar zu einem Menschen.Tröstlich, dass es nur ein Märchen ist.

Als PS ein Zitat aus Seite 53: „Aber du akzeptierst nur die Antwort, die du hören willst, und es ist sinnlos, dir eine andere zu geben.“


RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag 2 Kommentare


  • Kommentar von  Morgan am 26.08.2016 um 18:12 Uhr Uhr

    Die Umschlagsbilder zu der H.G.Wells-Reihe sind so etwas von unpassend – merkt das denn beim dtv niemand? Bei H.P.Lovecraft würden sie sich m.E. besser machen.

  • Kommentar von  nachgebloggt am 16.08.2012 um 08:22 Uhr Uhr

    Der Engel erlebt unsere Welt, bzw. die Welt wie sie Wells am Ende des 19. Jahrhundert gesehen hat und stellt die Gesellschaft in Frage. Der Engel erlebt Schmerz, Liebe, Hass und Wut. Man wird sich während man immer weiter in das Buch einsteigt darüber bewusst wie krank und durcheinander unsere Gesellschaft eigentlich ist und dass es auf jeden Fall besser funktionieren könnte, dazu bedarf es aber einer kollektiven Änderung, die wohl niemals so eintreten wird.

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