Arjouni, Jakob: Happy Birthday, Türke!

verfasst am 26.07.2011 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Arjouni, Jakob, Kriminalromane

Frankfurt am Main im Jahr 1985. Kemal Kayankaya, geboren in der Türkei, angeheuert, weil er der einzige Privatdetektiv mit türkisch klingenden Namen im Telefonbuch ist, aber ohne Türkisch-Kenntnisse, ermittelt in einem Mordfall, dessen Opfer ein Türke ist.

Die Polizei ist nicht wirklich motiviert, sich um die Sache zu kümmern; Türke erstochen in einem Bordell im Bahnhofsviertel, wen interessiert das schon. Die Witwe des Opfer dagegen möchte einen Teil der Hinterlassenschaft in die Aufklärung des Mordes investieren und blättert Kayankaya bei Kaffee und Kuchen – weil zufällig sein Geburstag ist als sie im Büro auftaucht – einen Tausender auf den Tisch (D-Mark waren das damals noch). Sie, die Witwe, macht sich damit in der eigenen Familie keine Freunde, vor allem der Bruder ist schwer dagegen, noch jemanden in die Sache hinein zu ziehen.

Nun denn, los gehts: zuerst wird die Familie des Opfers befragt, aber die haben nicht viel zu sagen – weil sie nicht wollen und/oder nichts wissen. Etwas mehr weiss die Polizei, von der bekommt er die Auskünfte aber nur, weil er sich für einen Mitarbeiter der türkischen Botschaft ausgibt. Das, was er nur wenig später in seiner Wohnung bekommt, hat aber wiederum etwas mit seinem richtigen Job zu tun: eine anonyme Warnung, die Finger von der Sache zu lassen – stilecht zusammen geklebt aus ausgeschnittenen Zeitungslettern.

Logisch, dass sich ein richtiger Privatermittler davon nicht aufhalten lässt (das kennt man ja aus dem Fernsehen). Nicht gerade in die feinen Gegenden Frankfurt führen die Spuren: Nutten, Zuhälter, Junkies. Es hat den Anschein, als ob sich der Tote mit den falschen Leuten angelegt hatte – Leute, in deren Kreisen die Worte Zimperlichkeit und Zurückhaltung nicht geläufig sind. Das merkt auch Kayankaya, oft entnervt, weil niemand etwas sagen will, manchmal schmerzhaft, wenn jemand etwas ausschließlich mit den Fäusten zu sagen hat.

Er findet Hilfe bei der Polizei, dabei wird der Verdacht, dass es dort ein paar schwarze Schafe gibt, immer stärker. Denn so viele Zufälle, die kann es im richtigen Leben nicht geben.

Es ist der erste Krimi, den Jakob Arjouni mit Kemal Kayankaya in der Hauptrolle schrieb und es war ein Auftakt, mit dem sich der Autor schon mit seinem ersten Buch zu einer festen Größe unter den deutschsprachigen Schriftstellern machte und bis heute (und das nicht nur wegen seiner Kayankaya-Romane) blieb.

Der Titelheld ist Türke, ohne dabei noch Wurzeln zu seiner alten Heimat zu haben. Die Eltern tot, aufgewachsen bei einer deutschen Familie, sieht aus wie ein Türke,  spricht kein Wort türkisch, kann dafür aber hessisch Babbeln.  Das nützt er hin und wieder für sich aus, so wie er aussieht glaubt man ihm bald, dass er kein Wort Deutsch versteht – und das ist manchmal recht hilfsreich. Das Gegenteil davon allerdings auch, denn ein hessisch sprechender Türke ist ja auch nicht ohne..,

Eine flotte Millieustudie in den Hinterhöfen einer Weltstadt. Stammt aus dem Jahr 1985, aber ob sich da bis heute so viel geändert hat?

PS: wirklich gut gemacht sind die Dialoge im hessischen Dialekt. Wenn man die laut nachspricht, dann klingt das wie das Original.


Einen Kommentar hinterlassen

* erforderlich. Beachten Sie bitte die Datenschutzerklärung


Top