Pynchon, Thomas: V

verfasst am 25.05.2011 von | 1 Kommentar
Rubriken: Pynchon, Thomas, Romane

Im Jahr 1963 erschien nach einigen publizierten Kurzgeschichten mit „V“ der erste Roman des damals 24-jährigen Thomas Pynchon und so manch‘ Literaturkritiker bezeichnet ihn als das beste Erstlingswerk der Literaturgeschichte. Dieses Urteil kann ich weder bestätigen, noch bin ich in der Lage es zu widerlegen, was ich allerdings vermelden kann ist, dass es sich bei „V“ über weite Strecken um ein grandioses und nicht zu knappes Stück Literatur handelt, für das der Autor mit dem Preis für den besten Roman des Jahres ausgezeichnet wurde.

Die Wiedergabe des Inhalts gestaltet sich aufgrund der ein bisschen epischen Breite, der häufigen Zeitensprünge und des beinahe unübersichtlichen Figurenarsenals als schwierig, um nicht zu sagen unmöglich. Trotzdem möchte ich versuchen einen Grundriss von „V“ zu zeichnen: V – so sieht dieser Mitlaut nämlich aus, aber jetzt Scherz beiseite!

In den Notizen seines verstorbenen Vaters Sidney Stencil, einst Geheimagent der britischen Regierung, entdeckt Herbert Stencil, seines Zeichens ein Historiker aus Leidenschaft, das geheimnisvolle Symbol V. „Was dem Lustmolch gespreizte Schenkel, dem Ornithologe die Flugwege der Zugvögel, dem Werkzeugmacher seine Drehbank, das war für den jüngeren Stencil der Buchstabe V.“

Er stellt es sich fürderhin zur Lebensaufgabe, dessen rätselhafte Anspielungen zu entschlüsseln. Unterstützt wird er dabei, nach Anwendung sämtlicher Überredungskünste, von Benny Profane, dem zweiten Hauptdarsteller des „Stücks“, der sich selbst als Schlehmil, also als Unglücksrabe oder Pechvogel, sieht.

Nachdem Profane seinen Dienst auf dem US-Kriegsschiff „Scaffold“ quittierte, verschlägt es in nach New York, wo er einen Job als Alligatorenjäger („ALLIGATOR PATROL“) in den Abwasserkanälen annimmt. Hier ist vielleicht eine kleine Erläuterung vonnöten: Anfang der 1950-er war es bei den Kids in New York groß in Mode Babyalligatoren als Spielgefährten zu Hause zu haben. Aber die Kleinen waren der Echsen bald überdrüssig (wahrscheinlich galt das auch umgekehrt) und so wurden sie einfach das Klo hinuntergespült. So kam es dann zur Alligatorenplage in der New Yorker Kanalisation.

Während einer seiner Streifzüge durch den Untergrund stößt Profane auf Spuren von Pater Fairing, einem Gottesmann, der es sich wiederum zur Lebensaufgabe gemacht hat, die Ratten zu evangelisieren – beim gegenwärtigen Mitgliederschwund in der Kirche vielleicht eine Anregung, über die man mal nachdenken sollte. Und auch hier unter Rattenvolk entdeckt Profane das geheimnisvolle Symbol, wie es überhaupt durch das gesamte Werk spukt.

Stencil und Profane lernen sich im Schoße der „Kaputten Bande“ in New York kennen, einer Gruppe von jungen Leuten, die neben feiern und saufen keine großartigen Ziele verfolgen – auf das zügellose Benehmen, sprich die Dekadenz der amerikanischen Gesellschaft hatte er schon immer ein besonders wachsames Auge, der Pynchon.

Im Laufe der Zeit verdichten sich die laufend eintreffenden Hinweise, dass die Lösung des Rätsels auf der kleinen Mittelmeerinsel Malta zu finden ist und alles steuert auf einen großen Showdown in La Valetta am Vorabend der Suezkrise im Jahr 1956 zu.

Virtuos jongliert Thomas Pynchon mit Personen, Zeitspannen und verschiedenen Örtlichkeiten, ja sogar mit den Kontinenten. Die Handlung spielt in einem von der ehemaligen Afrikakolonie Deutsch-Südwest über Ägypten, Malta, Florenz und Paris bis nach Venezuela reichenden totalitären Weltstaat.

„V“ ist auch eine „tour de force“ durch die verschiedenen literarischen Stile. Pynchon mixt gekonnt klassische Prosa mit Gedichten und Tagebucheintragungen, schrammt mehrmals an der Grenze zum Trivialroman dahin, den er mit Vorliebe imitiert, ohne aber die Linie jemals zu übertreten.

Bereits bei seinem Erstling wird Pynchons Vorliebe für kreative Namensgebung ersichtlich – eine Disziplin, bei der es der mysteriöse Schriftsteller zu bisher unerreichter Meisterschaft gebracht hat.

Da heißt ein Zahnarzt Dudley Eigenvalue, ein deutscher Funktechniker, der die Atmosphäre nach Störsignalen abhört Kurt Mondaugen und und und.

„Für diesen Autor gibt es nur zwei Möglichkeiten: Paranoia oder Anti-Paranoia. Entweder alles ist verknüpft oder gar nichts. Entweder alles strahlt vom Zentrum weg, oder es gibt kein Zentrum. Entweder ist alles an Geschichte determiniert, oder Geschichte ist völlig bedeutungslos, eine Ansammlung von Anekdoten.“, meint Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek.

Alles klar?


RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag 1 Kommentar


  • Kommentar von  Andreas am 11.03.2016 um 10:45 Uhr

    Vielen Dank an Walter!

    5 Jahre lang stand die falsche Jahreszahl im LiteraturBlog und er hat es bemerkt. Pynchons erster Roman erschien 1963 und nicht, wie ursprünglich geschrieben, im Jahr 1961.

    Danke für den Hinweis!

Einen Kommentar hinterlassen

* erforderlich. Beachten Sie bitte die Datenschutzerklärung


Top