Müller, Herta: Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel

verfasst am 13.05.2011 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Müller, Herta, Romane

„Der Bogen von einem Kind, das Kühe hütet im Tal, bis hierher ins Stadthaus von Stockholm ist bizarr. Ich stehe (wie so oft) auch hier neben mir selbst“, sagte Herta Müller in ihrer Tischrede anlässlich der Verleihung des Nobelpreises für Literatur. Und die vielfach ausgezeichnete Autorin lässt uns in der Reden- und Essaysammlung „Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel“ an dieser langen, an Entbehrungen, Angst und Worthunger reichen Reise entlang dieses Bogens teilhaben.

Herta Müller beginnt mit ihrer berührenden Nobelpreisrede „Jedes Wort weiß etwas vom Teufelskreis“, wo sie vom Terror im totalitären Rumänien in ihren Jugendjahren erzählt. Das Landkind ging zum Studium in die Stadt nach Temeswar, schloss sich den jungen Dichtern der „Aktionsgruppe Banat“ an und geriet so ins Visier des Geheimdienstes. Nach der Ausbildung arbeitete sie als Übersetzerin von Betriebsanleitungen für technischer Geräte in einer Traktorenfabrik. Als alle Anwerbeversuche der Securitate erfolglos blieben wurde sie bedroht („Es wird dir noch leid tun. Wir ersäufen dich im Fluss“) und schließlich aus ihrem Büro geworfen.

„Ich war ein Treppenwitz und mein Büro ein Taschentuch“, erzählt Herta Müller, da sie ihrer Arbeit auf einem Taschentuch sitzend im Stiegenhaus nachging. Aber Herta Müller blieb standhaft, so wie sie immer unbeugsam blieb und sich ausschließlich der Wahrheit verpflichtet fühlt. Und diese Wahrheit entsteht aus ihrem Schreiben, wo sie dem Gehalt eines Satzes bis ins einzelne Wort nachspürt und jeden möglichen Standpunkt reflektiert.

„Ich reagierte auf die Todesangst mit Lebenshunger. Der war ein Worthunger. Nur der Wortwirbel konnte meinen Zustand fassen.“

Die Literaturnobelpreisträgerin schildert ihre Kindheit im rumänischen Banat, die Liebe zu ihrem Vater, der im Zweiten Weltkrieg der SS beitrat und davon zeitlebens nicht mehr loskam. So wie sie von der Liebe zu ihrem Vater nicht loskam. Und wie sie von der Liebe zu Rumänien nicht loskam.

Herta Müller erzählt von ihrer Emigration nach Deutschland, wo die Verhöre und Denunziationen weitergehen, weil die vielen Arme der Securitate, einer Krake gleich, überall hinreichten. Selbst nach der Wende und dem Tod von Diktator Ceausescu wurde sie weiterhin bespitzelt, da im Geheimdienst personelle Kontinuität vorherrschte und dies wahrscheinlich auch heute noch der Fall ist.

Die Herzstücke dieser Textsammlung sind jene Essays, die sich mit der Entstehungsgeschichte ihres meisterlichen Romans „Atemschaukel“, diesem Wunderwerk des poetischen Schreckens beschäftigen und ihrem verstorbenen Freund, dem Lyriker Oskar Pastior, dessen Erinnerungen an die Zeit im russischen Arbeitslager Herta Müller zu Papier brachte.

Im Herbst 2010 wurde bekannt, dass der enge Vertraute der Nobelpreisträgerin unter dem Decknamen Otto Stein ebenfalls Bestandteil des rumänischen Spitzelnetzes war. Im bislang unveröffentlichten „Aber immer geschwiegen“ reagiert die Autorin trotz aller Enttäuschung und Wut mit tiefen Worten der Trauer: „Er sagte, die Sprache sei ihm im Lager zerbrochen. Heute weiß ich, Pastior ist die Sprache nicht nur einmal, sondern noch ein zweites Mal zerbrochen.“ Vielleicht war er aber auch „zu skrupulös, um zu sagen, seine Schuld sei erzwungen“.

Porträts von vergessenen Schriftstellern aus Rumänien und Deutschland (Cioran, Kramer, Blecher, Fuchs) runden diesen sprachlich wiederum außerordentlichen Essayband ab.

Herta Müller hat sich durch die Nobelpreisverleihung nicht dazu verleiten lassen, die Kraft der Literatur bezüglich der Veränderung von gesellschaftlichen Verhältnissen zu überschätzen. „Literatur spricht mit jedem Menschen einzeln – sie ist Privateigentum, das im Kopf bleibt.“

Möge möglichst viel Privateigentum und auch dieses Buch in den Köpfen vieler Menschen für Reichtum sorgen!


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