Wieninger, Manfred: Kalte Monde

Gerne macht er es nicht: aber wenn nach Wochen der Flaute endlich wieder einmal ein Kunde mit Geld droht, dann muss er. Marek Miert lässt sich als Leibwächter für einen Abgeordneten engagieren.

Die Rechtsaussen-Ansichten des Abgeordneten schmecken Miert gar nicht –  die bestätigten 100%ig sein Bild von den Politkern als überflüssige Anhängsel der Menscheit – doch ein Vorschuss bringt ihn dann doch dazu, den Job zu übernehmen. Einen Job, der ihm bald reichlich seltsam vorkommt, denn der angeblich bedrohte Abgeordnete verhält sich überhaupt nicht wie einer, der Angst vor irgendwelchen Attentätern hat.

Miert verliert schon bald die Lust am Leibwächterdasein, ein paar Schläge, ausgeführt von Unbekannten auf sein Hinterhaupt, beschleunigen nur seinen Entschluss. Endgültig Schluss ist, als der ehrenwerte Politiker vor versammelter Presse sein Mütchen an ein paar Obdachlosen kühlt. Da muss Miert schleunigst das Weite suchen, bevor ihn der gerechte Zorn übermannt aber jedenfalls erst nachdem er  lautstark seine Kündigung bekannt gegeben hat.

Da ist der Fall der ebenso verschwundenen wie millionenschweren Tigerkatze, auf den ersten Blick wenigstens, eine kleine Kompensation für das beim Abgeordneten entgangene Hornorar. Unerfreulich dabei ist nur, dass die Katzensuche Miert geradewegs mit Oberleutnant Gabloner zusammen führt, seinem Chef damals im Wiener Sicherheitsbüro – so groß ist Harland leider nicht, dass man  so einfach unerwünschten Dingen oder Polizisten aus dem Weg gehen könnte. Ab jetzt wird alles nur noch verzwickter und als es dann auch noch eine Tote gibt, wird es endgültig ein Fall für Marek Miert, genau genommen mehrere Fälle, die alle irgendwie zusammen hängen.

Marek Miert und Harland. Das ist wie immer ein Balanceakt zwischen Wegschauen und die triste Realität bewusst wahr nehmen. Der Mensch Miert mit dem Gewissen muss dabei aber immer wieder dem Menschen Miert mit dessen fundamentalen Bedürfnissen, wie zB. dem Essen, weichen und das macht ihm meistens schwer zu schaffen (na ja, auch kein Wunder, bei all dem Lebekäse und den Bratwürsteln)

Die Geschichte führt durch die Abgründe von Harland, einer typischen Provinzstadt in Niederösterreich und das, was Miert erlebt – somit das, was wir lesen – ist mitunter sehr schwer verdauliche Kost. Aber was soll man erwarten, wenn man mit einem Diskont-Detektiv unterwegs ist, der überall nur auf das Negative trifft und das Positive, sollte er es sehen, auch gleich übersieht – denn aus seiner Sichts gibt es das sowieso kaum mehr.  (Leicht hat man es nicht im Leben mit solch einer Einstellung).

Überall korrupte Politiker, zum Sadismus und Jähzorn neigende korrupte Polizisten und Einheimische, für die “die Ausländer” grundsätzlich Verbrecher sind. Lichtblicke gibt es nur hin und wieder, zum Beispiel wenn sich Miert von der feschen Taxlerin Pia durch die Gegend kutschieren lässt.

Tiefschwarz (oder auch Grau in Grau) und teilweise sehr überzeichnet sind die Menschen und die Umstände unter denen sie Leben. Hat etwas von Ostblock, überall Verfall, Triestesse und No Future. Streicht man davon die Spitzen weg, dann findet sich aber vieles, das der Realität entspricht.

Aber weg vom grauen Alltag, zurück zum Roman: Miert/Wieninger  ist ein König der Formulierungen, zu jeden Zustand, jedem Ereignis, jeder Regung findet sich ein Vergleich, der das Geschehen plastisch beschreibt; so, dass man es sich selbst ganz genau ausmalen kann. Das ist manchmal lustig, oft zynisch, hin und wieder sarkastisch, oder auch alles zusammen, in jedem Fall aber äußerst vergnüglich.

Wer sich vor gelegentlichen Derbheiten nicht abschrecken lässt, und gerne einen Blick in die Abgründe österreichischer Seelen werfen möchte, ist bei “Kalte Monde” bestens aufgehoben!


Einen Kommentar hinterlassen

* erforderlich. Beachten Sie bitte die Datenschutzerklärung


Top