Max, der nicht Journalist wurde sondern Totengräber, der Nachfolger seines Vaters. Emma, Max’ Ex-Freundin, Ex in seinem Leben aber immer noch in seinem Kopf. Baroni, der in die Welt hinaus ging, Fussballstar wurde und wieder zurück kam. Und jetzt mit Max befreundet.
Und Marga, Emmas Schwester, die schöne Marga, Model, dann Absturz, Selbstmordversuch – der erste – dann verliebt bei “Bauer sucht Frau”. Aber jetzt ist Marga tot. Zuerst nur tot und dann tot und verschwunden. Die Besetzungsliste ist noch länger, aber diese vier spielen die Hauptrollen. Und Tilda, Max’ Stiefmutter und Chefinspektorin bei der Polizei, ja die kann man auch noch in diese Kategorie reihen.
Wer “Six Feet Under” gesehen hat, könnte beim Lesen leicht auf einen anderen Titel für dieses Buch kommen: “Sixty Feet Under” – skurriler, schwärzer, tiefgründiger, abwegiger. Das Drehbuch, also das Buch, liest sich wie eine ganze neue Fernsehserie, die Chancen auf einen Emmy Award hat. Mit Dialogen, knapp, keine Satzzeichen, aber wenn man sie sich selbst laut vorliest, dann weiß man – ja, so sprechen die Menschen, ja so sprechen Max, Baroni, Tilda, Emma und all die anderen.
Mit Sätzen, die die Handlung wie aus einer imaginären Ich-Erzähler-Position schildern – jemand steht daneben oder darüber und erzählt alles, was gerade passiert, so liest es sich zumindest an. Ungewöhnlich geschrieben, Stil und Story passen da perfekt zueinander. Auf den ersten Seiten muss man sich darauf einstellen, dann wird es immer flüssiger, leichter zu Lesen und das Lesetempo kann sich dem Tempo des Geschehens anpassen.
Der Vorspann, der ein Blick in eine noch unbekannte Zukunft ist (Standbild, Klick). Das Intro, als Max und Baroni zusammen sitzen, auf der Terrasse, und die Sonne wärmt, als ob es Sommer wäre. Das Unerwartete, als Emma anruft: Marga ist tot, Selbstmord – Max, der Ex und Totengräber soll sie unter die Erde bringen. Der Auftritt, als Emma ankommt, aus Wien, dort wo Marga lebte, eigentlich aber aus London, dort wo Emma arbeitet. Die dramatische Wendung, als Margas Leichnam verschwunden ist.
Das Stakkato, der Tag des Begräbnisses – Fotografen, viele Menschen am Sarg des Models, des Stars aus “Bauer sucht Frau” und ein Eklat, ein Zusammenbruch, ein medienwirksamer dazu. Und dann, nur weil Max nicht aufpasste, nur weil er es nicht gleich vermisste, ist es ein verlorenes Erbstück des Vaters, das dafür sorgt, dass es überhaupt erst heraus kommt. Heraus kommt, dass Marga gar nicht mehr da liegt in ihrem frischen Grab. Und wie zu der Entführung einer Leiche auch noch ein Mord dazu kommt.
Dann – etwas später und die Hintergrundmusik wird dramatisch – kommt der Auftritt eines weiteren Hauptdarstellers: der war immer schon da, hat einfach so mitgespielt, doch wer hätte ihm eine Hauptrolle zugetraut? Geglaubt, dass er … oder doch sie?
Davor aber noch drei weitere “Sixty Feet Under” – Attribute dazu: rätselhaft, spannend, schräg. In die Kategorie ‘schräg’ gehört wohl auch dieser Satz, den Dorfpfarrer Stein zu hören bekommt: “sie wissen ja, wie die Frauen sind.”
Ein Krimi anderer Art, zu Beginn etwas fremd, dann logisch, weil Stil und Handlung zusammen gehören und das Buch gelesen!
PS: Ja, Wolf Haas ist nicht mehr alleine mit unvollendeten, manchmal verb-losen Halbsätzen, die man selbst vervollständigen muss. Die hätte er sich früher patentieren lassen sollen, jetzt ist es zu spät.
PPS: Nein, Aichners Sätze sind keineswegs von Haas abgeschaut, beide haben ihrem gänzlich unterschiedlichen, Stil – und damit doch etwas Gemeinsames. Apropos Stil: wie ist der Fachbegriff für Sätze, die mit “Wie” anfangen und doch keine Frage sind?
