Steiner, Wilfried: Bacons Finsternis

verfasst am 12.08.2010 von | 1 Kommentar
Rubriken: Romane, Steiner, Wilfried

Am letzten Abend eines Urlaubs in Kreta eröffnet Isabel Valentin ihrem Ehemann Arthur, dass sie sich unmittelbar nach der Rückkehr nach 15 Jahren von ihm trennen wird. Arthur fällt in ein tiefes Loch, verbarrikadiert sich in der ehemals gemeinsamen Wohnung, beginnt zu trinken und kultiviert seinen Schmerz mittels Tagträumen und Wahnvorstellungen. Seine Mitarbeiterin Maia, mit der er zusammen ein Antiquariat in Wien betreibt, versucht in wieder ins Leben zurückzuholen. Jedoch erfolglos.

Aus einer Laune heraus beschließt Arthur nach Monaten der Verzweiflung im Kunsthistorischen Museum eine Ausstellung des irischen Malers Francis Bacon zu besuchen. Die Werke des 1992 in Madrid verstorbenen Ausnahmekünstlers zeigen Kreaturen ohne Sinn und ohne Aussicht auf Erlösung, die verborgenen Ängste treten in den Bildern an die Oberfläche.

„Einzig die Bilder im KHM hatten es vermocht, das Gefühl meiner Unversehrtheit kurzfristig zu lindern.“ Arthur fasst wieder neuen Lebensmut, arbeitet sich fasziniert in Werk und Leben von Francis Bacon ein und beginnt der Ausstellung durch halb Europa nachzureisen.

In Basel sieht er erstmals ein Bild von Isabel Rawthorne, der Muse Bacons und verfällt ihrer Ausstrahlung. In den folgenden Monaten fährt er nach Berlin und schließlich nach London, in die weltberühmte „Tate Modern Gallery“, einen Tempel der Kunst schlechthin.

Und in der Tate erblickt Arthur plötzlich „seine“ Isabel in Begleitung eines älteren Herrn und aus den Wortfetzen die er zu verstehen glaubt, entnimmt er, dass die beiden planen ein Bild von Bacon illegal an sich zu bringen. Damit bekommt die Handlung eine neue Wendung, der Kunstkrimi in „Bacons Finsternis“ setzt sich in Gang und Arthur lässt nichts unversucht den „Kunstdieben“ auf die Spur zu kommen, in der Hoffnung Isabel dadurch wieder zurückzugewinnen.

„Möglicherweise war für einen Zauderer wie mich der einzige Ort, an dem man dem Leben ein paar Ereignisse abtrotzen konnte, der Windschatten eines Tatmenschen.“ Dieser Tatmensch ist für den traurigen Helden seine Mitarbeiterin Maia, die ihm bei seinen Ermittlungen mit Rat und Tat zur Seite steht.

Mehrmals pendelt Arthur zwischen Wien und Hamburg, wo das Objekt der Begierde (ein lange verschwundenes Baconportrait oder Isabel?) vermutet wird und trifft dabei auf eine faszinierende Dame mit dem Namen Lady Catherine, die sich gerüchteweise im Besitz eines echten Bacons befinden soll.

Die Faszination dieses Romans liegt in der Persönlichkeit und dem Leben von Francis Bacon, einem Radikalist reinsten Wassers. Der Künstler ist der mächtige biographische Stamm, um den sich verschiedene literarische Genres ranken, wie Reben um einen Weinstock.

„Bacons Finsternis“ ausschließlich dem Krimigenre zuzuordnen, wäre ein Trugschluss. Es ist auch eine zartbittere Liebesgeschichte, nicht frei von Ironie, die die unendlichen Tiefen des Trennungsschmerzes auszuloten versucht. Als tiefenpsychologische Studie über Wahnzustände nach Schockerlebnissen und ihre vielfältige Auswirkungen, könnte es durchaus auch durchgehen.

„Bacons Finsternis“ ist rasant erzählt, mit sehr intelligentem Humor ausgestattet, die Sprachbilder sind stimmig, somit ein weiteres Paradebeispiel für die hohe Qualität der zeitgenössischen österreichischen Literatur. Schlichtweg großartig die detailgetreuen Schilderungen der Werke Francis Bacons.Die Beklemmung und Angst ist dabei fast körperlich zu spüren.

Wilfrid Steiner ist der künstlerische Leiter des Linzer Posthofs und schrieb sieben Jahre an „Bacons Finsternis“ und dementsprechend gut recherchiert und komponiert erscheint mir das Buch.

Sollten sie es lesen, empfehle ich ihnen, sich parallel dazu die entsprechenden Werke von Francis Bacon anzusehen. Gänsehaut kann ich ihnen nicht garantieren, aber ein Schaudern wird sich manchmal wohl nicht vermeiden lassen.


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  • Kommentar von  Sunny am 16.09.2010 um 08:53 Uhr Uhr

    Spitzenbuch – ich hab’s „gefressen“!!!!

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