Müller, Herta: Atemschaukel

verfasst am 05.03.2010 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Müller, Herta, Romane

„Alles, was ich habe, trage ich bei mir.“ Mit diesem schlichten Satz beginnt eines der atemberaubendsten Sprachkunstwerke der zeitgenössischen deutschen Literatur. Nach der Lektüre von „Atemschaukel“ war mir restlos klar, warum Herta Müller im Dezember des vergangenen Jahres den Literaturnobelpreis verliehen bekam. Schlicht und einfach, so wie ihre Sprache, weil sie ihn sich verdient hat und ein Werk von derartiger sprachlicher Intensität seinesgleichen sucht und wahrscheinlich nur schwer oder gar nicht zu finden sein wird.

Herta Müller erzählt in 64 kurzen, eigenständigen Kapiteln die Autobiographie von Leopold Auberg, einem deutschstämmigen Rumänen aus Hermannstadt, der wie 80.000 seiner Landsleute im Jänner 1945 im Alter von 17 Jahren in ein russisches Arbeitslager deportiert wurde. Im August 1944 wechselte das bis dahin mit Hitlerdeutschland verbündete Rumänien die Fronten und schlug sich auf die Seite der Sowjetunion – Stalin forderte daraufhin den Arbeitseinsatz zur Beseitigung der Kriegschäden.

Die Autorin versucht Extremerfahrungen einer Volksgruppe wie beispielsweise permanenten Hunger, schwerste Zwangsarbeit und lebensbedrohliche Gefangenschaft mit Worten begreifbar zu machen. Dies gelingt ihr mit einer sprachlichen Meisterschaft, mit einer poetischen Sprachgewalt, die wie schon gesagt ihresgleichen sucht.

„Ich wollte langsam essen, weil ich länger was von der Suppe haben wollte. Aber mein Hunger saß wie ein Hund vor dem Teller und fraß.“

Der „Hungerengel“ im Arbeitslager ist allgegenwärtig, dominiert Denken und Sprache, ist ein inneres totalitäres System, führt zum Verlust der Menschlichkeit und zwangsläufig zum Verlust der Individualität. Ob Mann oder Frau spielt unter diesen Umständen keine Rolle mehr.

Ein Rechtsanwalt isst seiner Frau die tägliche Suppenration weg, bis sie schlussendlich verhungert. „Die Heidrun Gast hatte schon das Totenäffchengesicht, das Schlitzmaul von einem Ohr zum anderen, den weißen Hasen in den Dellen der Wangen und gequollene Augen.“ Jeder ist sich hier selbst der Nächste und keiner kennt sich mehr selbst. Selbstenfremdung wird zur irreparablen Konstante. Entmenschlichung kann sozialisiert werden, wie auch „Die Sterblichen“ von Yiyun Li drastisch vor Augen führen.

Wenn es nichts mehr gibt, was als Nahrung dienen könnte, wird die Sprache zum Überlebensmittel. „Kochrezepte erzählen ist eine größere Kunst als Witze erzählen. Die Pointe muss sitzen, obwohl sie nicht lustig ist. Hier im Lager beginnt der Witz schon mit: MAN NEHME. Dass man nichts hat, das ist die Pointe. Aber die spricht niemand aus, Kochrezepte sind die Witze des Hungerengels.“ Manche essen Sand oder Kot.

Herta Müller entreißt einige „Sträflinge“ aus der buntgemischten Zwangsgemeinschaft des Lagers der alles verschlingenden, unersättlichen Vergessenheit. Irma Pfeiffer, die in einer Mörtelgrube umkommt, Trudi Pelikan, die „nur“ ihre Zehen verliert, den aufgrund seines Berufes privilegierte Lagerfrisör Oswald Enyeter, den Trommler Anton Kowatsch, den Akkordeonspieler Konrad Vonn, Albert Gion, mit dem Leo im Schlackekeller arbeitet oder die geistesschwache Planton-Kati, die fünf Jahre lang nicht weiß, wo sie ist. Und noch viele andere mehr.

Das zweite Hauptthema des Romans ist das Gefühl des Heimweh, das bei vielen Lagerinsassen im Lauf der Zeit in Heimatlosigkeit übergeht. Ein einziges Mal bekommt Leo Post von zu Hause, eine Postkarte von seiner Mutter mit einem Foto auf dem ein einziger Satz steht: „Robert, geb. am 17. April 1947.“ Für Leo bedeutet diese Nachricht: „Meinetwegen kannst du sterben, wo du bist, zu Hause würde es Platz sparen.“

Als Leo Auberg im Januar 1950 nach Hermannstadt zurückkehrt erkennt er, dass sich die im Lager selbst anerzogene „Heimwehlosigkeit“ in ein anderes, bedrohliches „Heimweh“ verkehrt hat.

Die Lagererfahrungen sind allgegenwärtig, beherrschen unkontrollierbar jede Wahrnehmung, bis in die Träume hineinreichend. Das Ticken der Uhr im elterlichen Wohnzimmer wird zur „Atemschaukel“, in seiner Brust zur „Herzschaufel“. In einer Fabrik, wo Leo ein Jahr lang Holzkisten zusammennagelt, erkennt er nur „kleine Särge aus frischem Fichtenholz“.

Herta Müller wollte das Werk gemeinsam mit ihrem Kollegen Oskar Pastior verfassen, auf dessen Erinnerungen die Geschichte basiert. Die Mutter der Autorin war ebenfalls in einem Arbeitslager interniert, konnte aber über ihre Erfahrungen und Erlebnisse nicht sprechen. Herta Müller hat nach dem Tod von Pastior ein Jahr lang mit sich selbst gerungen, bis aus dem „Wir“ ein „Ich“ wurde und sie die „Atemschaukel“ alleine zu Papier brachte.

Mir ist durchaus bewußt, dass meine Rezension dem sprachlichen Genie der Nobelpreisträgerin nur unzureichend bis gar nicht gerecht werden kann. Man/frau sollte dieses Buch einfach selbst lesen. Trotz der erschütternden Thematik ist die poetische Sprache ein reiner Genuss und die Sprachbilder sind von beinahe unheimlicher Präzision.

Wie sang einst der Barde Wilfried so treffend: „Spann deine Schwingen, flieg Ikarus. Nicht das Gelingen, nur der Versuch zählt am Schluss!“

PS: Zum Schluss meldet sich der Historiker in mir. Der Unterschied zwischen einem russischen Arbeitslager und einem Konzentrationslager der Nazis ist trotz allem noch ein sehr großer. Deshalb finde ich es höchst provokant und eine Schande, wenn in unserem Land eine Präsidentschaftskandidatin auftritt, die keine klaren Worte zu dieser Zeit findet.

PPS: Ich werde sie nicht wählen und je weniger es tun, desto besser!


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