Ob du es jetzt glaubst oder nicht, aber der Brenner ist wieder da! Du wirst sicher sofort sagen, na der hat mir gerade noch gefehlt zu meinem Glück. Immer das Negative, das Depressive, die Inkonsequenz und das Grausliche.
Aber jetzt pass auf. Da täuscht du dich, weil der Brenner plötzlich wie ausgewechselt, mehr das Positive und die Ruhe in Person. „Hör zu, warum soll jedes Blutbad mein persönliches Bier sein? An und für sich sage ich schon lange, sollen sich die Jungen drum kümmern, quasi Credo.“
Wenn du „das ewige Leben“ gelesen hast, dann weißt du ja, dass der allwissende Erzähler durch eine schnöde Pistolenkugel getötet wurde, praktisch Problem. Wer soll denn nun die Geschichte erzählen, weil der Brenner nicht unbedingt Plappermaul, eher Gegenteil.Aber Haas wäre nicht Haas, hätte er nicht eine verblüffend einfache Lösung gefunden, um den Erzähler aus der Unterwelt wieder zwischen die Buchdeckel zurückzuholen.
„Meine Großmutter hat immer zu mir gesagt, wenn du einmal stirbst, muss man das Maul extra erschlagen“, lautet der Auftaktsatz des neuen Romans. Da sich anscheinend niemand fand, um den Ratschlag der Oma in die Tat umzusetzen, ist der Erzähler also wieder da und berichtet furios in seiner vulgärphilosophischen Art, wie es mit dem Brenner weitergegangen ist. Und das musst du dir auf jeden Fall anhören, weil interessant.
Der Brenner, eigentlich jetzt „Herr Simon“, hat einen gutbezahlten Job als Chauffeur beim Bauunternehmer Kressdorf in München angenommen. Die Frau Doktor Kressdorf betreibt in Wien eine Abtreibungsklinik und der „Herr Simon“ kümmert sich liebevoll um die zweijährige Tochter Helena.
Gemeinsam verbringen sie unzählige Stunden auf der Autobahn zwischen Wien und München. Aber auch Kitzbühel, weil dort Almhütte der Kressdorfs. Da darf es dich gar nicht wundern, das die ersten Worte der kleinen Helena nicht „Mama“, nicht „Papa“, sondern „Fara“ waren, praktisch Seelenverwandtschaft.
Wenn du aber heute eine Abtreibungsklinik betreibst, dann hast du auch deine Feinde, sprich demonstrierende „Rosenkranzrowdys“ der Initiative „Pro Leben“ vor dem Eingang der Klinik. Und auch ein Baulöwe nicht von allen geliebt, frage nicht.
Deswegen haben die Kressdorfs auch den Brenner ausgewählt, weil Polizeivergangenheit, quasi auch ein bisschen Leibwächter für die Helena.
Aber sind wir uns ehrlich, der „Herr Simon“ wäre nicht der Brenner, wenn es lange dauern würde, bis wieder was passiert, quasi permanenter Pechvogel.„Ein schöner, sonniger Morgen war das, und mit dem besseren Herzschlag vom Espresso hat er die paar Schritte von der Shoptür zum Auto richtig mit einer Einstellung gemacht, wo man sagt, Leben vollkommen okay. Wenn man bedenkt, wie er noch vor einem Jahr beisammen gewesen ist, muss man ehrlich sagen, Hut ab vor den Tabletten.“
Doch wie der „Herr Simon“ auf der Tankstelle an der Wiener Stadtausfahrt in das Auto einsteigen will, ist die kleine Helena verschwunden, sprich Entführung.
„Der Herr Simon war sich ehrlich gesagt nicht sicher, ob das Auto, bevor er es tausendmal auf- und zugesperrt hat, ganz am Anfang zu war. Aber Auto offen oder zu, das macht für einen Kriminellen ungefähr so einen Unterschied wie für eine Pistolenkugel die Frage, welchen Schutzfaktor die Sonnencreme hat, an der sie auf dem Weg in deine Stirn vorbeikommt.“
Nachdem die ehemaligen Kollegen vom Brenner keine Spur von dem Kind finden, macht sich das alter ego vom „Herrn Simon“, also der Brenner selbst auf die Suche nach der Helena, denn “bei der Polizei dauert es drei Wochen, bis sich überhaupt ein Zuständiger findet, der gerade im Krankenstand ist und danach sagt: Jetzt ist es zu spät, das Verbrechen ist verjährt.“
Damit setzt sich der Krimiplot in Gang und Haas dirigiert virtuos sein Figurenarsenal übers Spielfeld. Der Knoll, der Chef von der Initiative zum Schutz des ungeborenen Lebens, hat der Frau Dr. Kressdorf einmal gedroht und nebenbei erpresst er sie mit einem Video, praktisch erster Verdächtiger.
Der Autor spinnt ein Netz an Handlungsfäden und Motiven und zeichnet ein sarkastisches Bild der Verfilzung von Politik und Wirtschaft. Neben anderen tritt ein jagdbegeisterter Direktor einer mächtigen schwarzen Bank mit dem Namen „Herr Reinhard“ auf. Ein Schelm, wer da an den Raiffeisengeneralanwalt Christian Konrad denkt.
Aber auch die Liebe kommt wieder einmal nicht zu kurz und so reißt es den Brenner ein bisschen zwischen der Anstaltspsychologin Natalie und einer naturbegeisterten Südtirolerin, die schon drei Jahre die Straße in der sie wohnt nicht mehr verlassen, hin und her. Immer mehr Fäden werden zu einem starken Tau verwoben und alles kulminiert in einem großen Showdown in und um die Jauchegrube der Kitzbüheler Almhütte, in der ein paar Menschen ihr Leben verlieren. „Da ist eine Partie zusammenkommen, wo man fast sagen muss, ein kleines Kunststück, dass man eine Scheißegrube qualitativ noch verschlechtern kann.“
Wolf Haas hat in einem Interview gesagt, dass ihm das Schreiben leicht von der Hand ging und das merkt man auch. Alles entsteht aus diesem unnachahmlichen Klang der Sprache vergleichbar mit dem Sound des Films „Pulp Fiction“.
Meine Botschaft an alle die den Brenner nicht mögen: Finger weg von diesem Buch! Aber für uns Gläubige ist es ein Muss!!! Für mich ist es der beste Brenner. Bisher. Vielleicht können wir in den Kommentaren eine Debatte beginnen, ob du das auch so siehst. Würde mich freuen auch andere Meinungen zu hören, praktisch Vielfalt.
PS: Aber einen Vorwurf kann ich dem Brenner trotzdem nicht ersparen. Oder eigentlich sind es zwei. Weil wenn der Brenner am Vortag nicht vergessen hätte zu tanken oder dann auf der Tankstelle ein bisschen schneller beim Schokoladeaussuchen für die Helena gewesen wäre, hätte es wahrscheinlich sieben Begräbnisse weniger gegeben.
Aber damit muss er selber klar kommen. Vielleicht helfen ihm ja seine Tabletten.
Ich wünsche es ihm von ganzen Herzen!
