Andrea Maria Schenkel: Tannöd

verfasst am 18.08.2009 von Sündi | 598 x gelesen | Rubriken: Kriminalromane, Schenkel, Andrea Maria

schenkel-tannoedEin Bauernhof. Abseits des Dorfes neben einem Wald gelegen. Einödhof heißt das Anwesen in Tannöd. Gehören tut er dem Danner. Ein Eigenbrötler. Brutal soll er sein. Ein Mann des Alten Testaments. Hart zu sich und den Seinen. Seine Frau soll er schlagen. Mit seiner eigenen Tochter soll er was haben. Seine Enkelkinder Marianne und Josef sollen von ihm sein. Obwohl andere auf dem Standesamt den Vater gemacht haben. Keine Magd hält es lange bei den Tannödern aus. Ab und zu hilft lichtscheues Gesindel bei der Ernte oder Waldarbeiten. Niemals angemeldet. Keiner nennt gerne seinen Namen. Tagelang hat man nichts mehr von den Danners gehört oder gesehen.

Die Marianne fehlt seit Samstag in der Schule. Sonntags war keiner aus Tannöd in der Kirche. Ungewöhnlich. Am Dienstag gehen ein paar Männer nachschauen. Der Hund bellt wie verrückt. Die Tiere im Stall sind unruhig und verängstigt. Die Männer können durch den Stadel in den Hof eindringen.

Sie machen eine fürchterliche Entdeckung. Unter einem Strohhaufen die Leichen vom Danner, seiner Frau, seiner Tochter und der Marianne. Mit einer Spitzhacke die Schädel eingeschlagen. Mit ungeheurer Brutalität. In einer Kammer liegt die neue Magd. Sogar der zweijährige Josef in seinem Bettchen. Mit bestialischer Brutalität. Ein Dorf steht unter Schock.

Andrea Maria Schenkels Krimidebüt hat nur 125 Seiten, ein schwacher Zentimeter zirka, aber der hat es wirklich in sich und wurde vielfach ausgezeichnet! Bereits das Buchcover wirkt bedrückend. Der Roman (ich würde es aber eher als Novelle oder Milieustudie bezeichnen) basiert auf einem ungeklärten Mordfall im bayrischen Hinterkaifeck.In diesem oberbayrischen Ort wurden in der Nacht von 31. März auf den 1. April 1922 sechs Menschen ermordet, indem der oder die Täter ihnen mit einer sogenannten Reuthaue den Schädel einschlug. Das Verbrechen wurde nie aufgeklärt und gilt als einer der rätselhaftesten Mordfälle Deutschlands. Der Hof wurde übrigens nach einem Jahr vollständig abgetragen.

Andrea Maria Schenkel lässt die Dorfbewohner die Geschichte erzählen, in ihren Worten, mit ihren Gedanken, den ganzen Alptraum Stück für Stück zusammensetzen. Der Lehrer, der Pfarrer, der Bürgermeister, der Postbote, die Nachbarn, eine frühere Magd, alle kommen zu Wort. Und je mehr man von den Bewohnern des Einödhofs und den Lebensumständen erfährt, desto mehr fröstelt einem. Die Sprache einfach, präzise, direkt, ohne Umschweife das Böse benennend, Atmosphäre schaffend. Das Leben des Tyrannen, die Hilflosigkeit, die Angst, ora et labora, das Verstockte, das Ausgeliefertsein, die Aussichtlosigkeit, alles tritt klar hervor.

Andrea Maria Schenkel verlegt die Handlung in die frühen Fünfziger. Das Wirtschaftswunder hat Tannöd und Umgebung noch nicht erreicht. Die gesamte Bundesrepublik wird von einer restaurativen Phase beherrscht. Nazis bilden unbehelligt Helferverbände, NS-Verbrecher werden gedeckt, die Taten totgeschwiegen. Der das Landleben prägende Katholizismus engt den Gesichtskreis der Dorfbewohner weiter ein. „Wenns mich fragen, der Teufel hats geholt. Ja, der Deifel, der hats geholt die ganze Sippschaft.“, gibt die Pfarrersköchin ihre feste Überzeugung zu Protokoll. Ja, wenn es nur so einfach wäre!


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